{"id":529,"date":"2014-11-20T19:44:07","date_gmt":"2014-11-20T19:44:07","guid":{"rendered":"http:\/\/lysander1330.wordpress.com\/?p=529"},"modified":"2018-04-13T17:37:44","modified_gmt":"2018-04-13T17:37:44","slug":"eisnacht-eine-kurzgeschichte-zu-der-rebell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/?p=529","title":{"rendered":"Eisnacht &#8211; eine Kurzgeschichte zu &#8220;Der Rebell&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Hier wieder mal was Unheimliches zu Ollis Erbe &#8211; der Buchhandlung, dem Archiv und dem alten Mietshaus im Wiesbadener Rheingau-Viertel &#8230;<\/p>\n<p><em>Eisnacht<\/em><\/p>\n<p>Fahles Laternenlicht zerfaserte. Eisige Nebel hingen in den Stra\u00dfen, zwischen den H\u00e4usern und d\u00e4mpften jeden Laut auf ein unwirkliches Echo herab. Der Asphalt war glatt.<\/p>\n<p>Durch die dr\u00fcckende Atmosph\u00e4re roch die Luft nach Abgasen. Unter den Gestank mischte sich der Duft nach Geb\u00e4ck, Tannennadeln und Harz.<\/p>\n<p>Oliver zog seinen Rollkragen aus der sch\u00e4bigen Lederjacke und vergrub sich darin. Sein warmer Atem und der hautwarme Wollstoff vermittelten ihm den tr\u00fcgerischen Eindruck, nicht mehr so stark zu frieren. Seine H\u00e4sin Opa krallte sich unter Pulli und Jacke fest. Die W\u00e4rme des Tieres tat gut. Trotz allem wollte Oliver so schnell wie m\u00f6glich wieder in seine beheizte Buchhandlung zur\u00fcck. Unter seinem Arm klemmten mehrere schwere Lederfolianten, gr\u00fcndlich eingepackt, die er vom Restaurator abgeholt hatte. In Gedanken befand er sich bereits zu Hause. Die \u00fcberf\u00fcllte Innenstadt verdeutlichte ihm, dass man in der Vorweihnachtszeit eher Zeit mit Familie und Freunden verbringen sollte.<\/p>\n<p>Geiler Kommerz, dachte er ver\u00e4rgert.<\/p>\n<p>Er sehnte sich nach einer hei\u00dfen Dusche oder einem Bad. Der Gedankengang aufzutauen, war verlockend. Leider ging die Arbeit vor.<\/p>\n<p>Mit weit ausgreifenden Schritten eilte er durch die Stra\u00dfen. Er ignorierte die erleuchteten Schaufenster und die geschm\u00fcckten H\u00e4user.<\/p>\n<p>Weihnachten? Ein Fest f\u00fcr Weicheier!<\/p>\n<p>Als er endlich die Haust\u00fcre hinter sich ins Schloss dr\u00fcckte, fror er in dem Hausflur nur noch mehr. Die W\u00e4nde atmeten K\u00e4lte aus. Es lag nicht an dem Winterwetter, sondern an dem bohrenden Gef\u00fchl, aus verschiedenen Richtungen beobachtet zu werden. Die Schatten dehnten und wanden sich vor seinen Augen. An manchen Stellen, direkt unter der Treppe, jenseits des Windfangs, ballten sie sich.<\/p>\n<p>Zuckte dort nicht der konturlose Sch\u00e4del eines W\u00e4chters? Oliver ballte die F\u00e4uste. Unter seiner Jacke strampelte Opa. Sie sp\u00fcrte <em>ihre<\/em> Anwesenheit ebenfalls.<\/p>\n<p>\u201eBeruhig\u2019 dich, Dicke.\u201c Seine Stimme bebte. Trotz allem fehlte das Gef\u00fchl wirklicher Angst. In all den Jahren, die er und seine beiden j\u00fcngeren Br\u00fcder hier lebten und arbeiteten, hatte er sich an die permanente Anwesenheit von Geistern gew\u00f6hnt. Aber er verabscheute die W\u00e4chter. Obwohl er sie nicht deutlich ausmachen konnte, sp\u00fcrte er die gesichtslosen Geisterfresser. Einer der Verdammten musste ihnen aus ihrer grell wei\u00dfen Welt entkommen sein.<\/p>\n<p>Opa strampelte heftiger. Mit einer Hand strich er \u00fcber die zappelnde Beule in seiner Jacke. Das Tier beruhigte sich widerwillig. Sie f\u00fcrchtete sich. Schaudernd tastete er nach dem Lichtschalter. In diesem verrotteten, alten Geisterhaus konnte einfach niemand leben.<\/p>\n<p>Licht flutete die steilen Treppen. Tats\u00e4chlich kauerte ein W\u00e4chter unter der Treppe, auf der R\u00fcckseite seines Gesch\u00e4ftes. Das Wesen war au\u00dfergew\u00f6hnlich klein. Oliver kannte drei bis vier Meter gro\u00dfe W\u00e4chter. Trotz allem verlor das Gesch\u00f6pf nichts von seiner Bedrohlichkeit. Der augenlose Sch\u00e4del pendelte auf dem zwei Meter langen, d\u00fcnnen Hals. Aus den ausgerissenen Winkeln seines Maules troff Speichel.<\/p>\n<p>Es klaffte auf. Die fingerlangen, spitze Z\u00e4hne riefen in Oliver unangenehme Erinnerungen wach. Diese Wesen jagten und fra\u00dfen Geister, die sich nicht an die Grenzen der hoffnungslose Spiegelwelt hielten und ausbrachen. Ihm war klar, dass die W\u00e4chter keine helfenden, freundlichen Gesch\u00f6pfe hinter den Spiegeln fest hielten. Das, was sich dort verbarg, waren Monster.<\/p>\n<p>Der massige Leib senkte sich, als der W\u00e4chter sich auf seine vergleichsweise kurzen, muskul\u00f6sen Hinterbeine setzte, um sich vorne auf den doppelt so langen Vorderl\u00e4ufen abzust\u00fctzen. Der Anblick erinnerte Oliver an eine groteske Mischung aus einem Dinosaurier und einem besonders h\u00e4sslichen Hund.<\/p>\n<p>\u201eWas willst du?\u201c Oliver sah den W\u00e4chter herausfordernd an.<\/p>\n<p>Ein tiefes Grollen drang aus der Kehle des Wesens.<\/p>\n<p>Mit einigen S\u00e4tzen stand Oliver auf gleicher H\u00f6he. Der Kopf des W\u00e4chters zuckte zu ihm. Fauliger Atem schlug Oliver ins Gesicht. Er wendete sich kurz ab. Der lange Hals reckte sich um ihn herum. Es schien fast, als suche der W\u00e4chter nach Olivers Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>\u201eWas willst du?\u201c<\/p>\n<p>Von dem Monster kam keine Reaktion. Lediglich sein absto\u00dfender, flacher Sch\u00e4del r\u00fcckte n\u00e4her.<\/p>\n<p>\u201eWo bleibt deine Empathie? Sonst seid ihr doch auch hervorragend darin, mir den Kopf mit eurem bescheuerten Gedankengut zu f\u00fcllen.\u201c<\/p>\n<p>Das Wesen reagierte nicht. Oliver umging den W\u00e4chter. Ihm war bewusst, dass mit dem W\u00e4chter irgendetwas nicht stimmte. Das Ding war nicht nennenswert gr\u00f6\u00dfer als er selbst. Es zwang ihm auch keine Gef\u00fchle und Eindr\u00fccke auf, wie seine gr\u00f6\u00dferen Artgenossen. Kopfsch\u00fcttelnd schloss er die Hintert\u00fcre des Ladens auf und \u00f6ffnete den Stromkasten, um die Hauptsicherung einzudrehen. Die gelben Lampen flackerten, bevor sie wieder ausgingen.<\/p>\n<p>\u201eSchei\u00dfe!\u201c Oliver versetzte dem Kasten einen Schlag. Er legte die Bucher auf den Boden. Opa wurde bei der Bewegung zusammengestaucht und zappelte ver\u00e4rgert. Entnervt \u00f6ffnete er den Reisverschluss und die H\u00fcftschnallen, damit sie frei im Gesch\u00e4ft herumhoppeln konnte. Die massige Stallh\u00e4sin sprang mit einem weiten Satz auf den Boden und schlidderte auf den gebohnerten Dielen bis an die Kante zu den Stufen in das Ladenlokal. Nachdem sie sich gefangen hatte, klopfte sie mit ihren kr\u00e4ftigen Hinterl\u00e4ufen mehrfach aufgebracht und klapperte beleidigt mit ihren Z\u00e4hnen. Er beobachtete, wie sie aus dem Lichtkegel des Treppenhauses, zwischen den Buchregalen verschwand. Ein unf\u00f6rmiger Schatten fiel auf den Boden. Feuchthei\u00dfer Atem schlug ihm in den Nacken. Er fuhr herum. Der W\u00e4chter kauerte auf der Schwelle. Sein Kopf pendelte keine Hand breit vor Olivers Gesicht.<\/p>\n<p>Sein Magen verkrampfte sich. Ihm wurde schlecht. Zugleich ballte sich Wut in ihm.<\/p>\n<p>\u201eVerpiss dich!\u201c Er stie\u00df den Kopf des W\u00e4chters mit der Hand zur\u00fcck. Unbeeindruckt blieb das Wesen hocken.<\/p>\n<p>\u201eBist du ein Hund?\u201c, fragte Oliver entnervt. Er wandte sich kopfsch\u00fcttelnd ab. Mit flinken Fingern drehte er eine Ersatzsicherung in den Kasten.<\/p>\n<p>Das Licht flackerte. Unter der Decke entflammten mehrere archaische Kristalllampen. Oliver atmete auf.<\/p>\n<p>Ohne dem W\u00e4chter weitere Beachtung zu schenken, hob er die B\u00fccher auf.<\/p>\n<p>Er warf er Jacke und M\u00fctze auf den Tresen. Mit beiden H\u00e4nden fuhr er sich durch den Iro.<\/p>\n<p>Dielen knarrten. Erschrocken sah er sich um. Der W\u00e4chter blieb stehen.<\/p>\n<p>\u201eWas willst du nur?\u201c<\/p>\n<p>Erneut blieb der W\u00e4chter stehen. Ohne es begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen, empfand er das Monster als vollkommen ungef\u00e4hrlich. Die Reaktion seiner H\u00e4sin sprach eigentlich dagegen. Opas Instinkt war ein untr\u00fcglicher Indikator f\u00fcr Gefahren.<\/p>\n<p>Der W\u00e4chter reckte sich. Sein Maul klaffte auf. Aus den Tiefen seines Halses drang dumpfes Grollen. Speichel troff zu Boden. Trotz allem ging sein Augenloser Blick weit an Oliver vorbei.<\/p>\n<p>\u201eWas \u2026\u201c<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl, nicht mehr allein zu sein, erf\u00fcllte ihn. Ein eisiger Hauch strich \u00fcber seinen R\u00fccken. Sofort begann er wieder zu fr\u00f6steln. Die H\u00e4rchen auf seinen Armen elektrisiert. Er kannte das Gef\u00fchl. Geistererscheinungen k\u00fcndigten sich so an.<\/p>\n<p>Langsam wandte er sich um. In der Mitte des Ladens stand ein kleines, zierliches, vielleicht f\u00fcnfj\u00e4hriges M\u00e4dchen, dessen dunkle Locken von einer sch\u00e4bigen Schleife aus dem Gesicht gebunden wurden. Sie trug wollene Str\u00fcmpfe und ein mattrotes Kleid. \u00dcber dem Die Armbinde mit dem Davidsstern zeichnete sie als J\u00fcdin aus.<\/p>\n<p>\u201eRuth?\u201c Obwohl er es nicht wollte, zuckte Oliver zusammen. Ungl\u00e4ubig starrte er seine kleine Geisterfreundin an. Bislang begleitete sie nie diese Todesk\u00e4lte.<\/p>\n<p>Im gleichen Moment schalt er sich einen Narren. Ruth war kein b\u00f6ses Gesch\u00f6pf.<\/p>\n<p>Ihre ewig verweinten Augen gaben ihr den Anschein verloren zu sein. Trotz allem lag erwachsener Ernst in ihrem Blick.<\/p>\n<p>Der W\u00e4chter grollte immer noch hinter ihm.<\/p>\n<p>\u201eAch, gib Ruhe!\u201c Er sah sich nicht zu dem Wesen um. Eilig trat er um den Tresen herum und setzte sich auf die Stufen.<\/p>\n<p>\u201eWas ist, Ruth?\u201c<\/p>\n<p>Sie erwiderte einen Moment seinen Blick und z\u00f6gerte. \u201eDer W\u00e4chter ist nicht wegen mir hier.\u201c Ihre erwachsene Stimme passte nicht zu dem Kinderk\u00f6rper. \u201eIch wei\u00df nicht, wer ausgebrochen ist, aber \u2026\u201c Sie unterbrach sich, als w\u00fcrde sie lauschen. Das Grollen des W\u00e4chters nahm zu. Oliver sah \u00fcber die Schulter. Das graue Monster schien sich aufzubl\u00e4hen. Kopf und K\u00f6rper gewannen st\u00e4ndig an Masse. Binnen Sekunden f\u00fcllte das Ding den schmalen Flur fast aus. An seinen F\u00e4ngen troff gr\u00fcnlicher Schleim herab. Eine Woge unidentifizierbarer, bizarrer Gedanken drang in Oliver ein. Gef\u00fchle, die nichts Menschliches an sich hatten, durchdrangen seine Seele. Spinnfinger griffen in sein Wesen ein, zerrten alle Empfindungen hervor und wirbelten sie durcheinander. Tausend Stimmen explodierten in grellem Kreischen. Wei\u00dfes Licht flackerte vor seinen Augen. Der antike Buchladen umriss sich scharf in schwarzen Schlagschatten: die Welt hinter den Spiegeln. Es tat weh. Oliver presste die Kiefer aufeinander. Er glaubte den Verstand zu verlieren. Sein K\u00f6rper wurde von dem W\u00e4chter ausgeh\u00f6hlt. Schw\u00e4che ergriff ihn. Er sackte bebend in sich zusammen.<\/p>\n<p>Genauso brutal, wie der W\u00e4chter sich mit ihm verband, zog er sich auch zur\u00fcck. Von einem Moment zum n\u00e4chsten herrschte vollkommene Stille. Die Leere, die das Wesen zur\u00fcckgelassen hatte, breitete sich in Eisnebeln aus.<\/p>\n<p>Obwohl er den Laden sah, f\u00fchlte Oliver sich blind. Ein hoher, pfeifender Ton in seinem Innenohr signalisierte ihm, dass er wieder zu sich kam. M\u00fchsam sch\u00fcttelte er die Taubheit ab \u2026<\/p>\n<p>Schmerz durchzuckte ihn, als Opa ihre langen Nagez\u00e4hne in seinen Finger rammte.<\/p>\n<p>\u201eSpinnst du?!\u201c Er zog die Hand weg und schob seine H\u00e4sin mit dem Stiefel zur Seite. Opa lie\u00df sich davon nicht beeindrucken. Sie sprang \u00fcber die Stahlkappe hinweg und hockte sich zwischen seine Beine.<\/p>\n<p>Oliver wich ihrem vorwurfsvollen Blick aus. Ruth stand nur einen Schritt von ihm entfernt. In ihren Augen glomm tief rotes Feuer. Ihre Lippen bebten vor Anstrengung. Hatte sie den W\u00e4chter etwa zur\u00fcck gedr\u00e4ngt?<\/p>\n<p>Ein formloser, hei\u00dfer Leib ber\u00fchrte Olivers R\u00fccken. Er fuhr herum. Der W\u00e4chter dr\u00e4ngte sich an ihn. Weit \u00fcber Oliver pendelte der Sch\u00e4del. Er folgte der Richtung, in die das Wesen sp\u00e4hte.<\/p>\n<p>Aus einer Ecke zwischen den Buchregalen wehte kalter Nebel in den Raum. Die Temperatur sank deutlich. Eine m\u00e4chtige, b\u00f6se Entit\u00e4t befand sich hier. Eiskristalle flirrten zu Boden. Schauer rannen \u00fcber seinen R\u00fccken. Die feinen H\u00e4rchen auf seinen Armen richteten sich auf. Sein Atem kondensierte vor seinen Lippen. Trotzdem er fror, rann Schwei\u00df \u00fcber seine Schl\u00e4fen. Irgendetwas Unvorstellbares kam.<\/p>\n<p>Oliver sprang w\u00fctend auf. Etwas Vergleichbares war in all den Jahren, die er seit dem Selbstmord seines Gro\u00dfvaters hier lebte, nicht einmal passiert.<\/p>\n<p>Opa zog sich z\u00e4hneklappernd hinter ihn zur\u00fcck, w\u00e4hrend der W\u00e4chter die Stufen hinab sprang. Ruth wich ihm in letzter Sekunde aus.<\/p>\n<p>Sein Massiger Leib duckte sich zu Boden. Er zog den Hals an und wartete. Seine Klauen fetzten Splitter aus dem Holz. Er schien zu lauern.<\/p>\n<p>\u201eWas ist das, Ruth?\u201c<\/p>\n<p>Dicht neben Oliver materialisierte ihre Gestalt. Sie antwortete nicht, spannte sich aber.<\/p>\n<p>Oliver musste wissen, was geschah. Er l\u00f6ste sich von ihrer Seite und sp\u00e4hte in den Gang zwischen den Regalen. Eis \u00fcberzog Schaufenster, Boden und B\u00fccher. Schemen zuckten \u00fcber die sonst so staubige Scheibe. Die Buchhandlung wurde gespiegelt. Allerdings sah sich Oliver nicht in der Reflektion. An seiner Stelle stand ein ihm vertrauter Mann, sein Gro\u00dfvater.<\/p>\n<p>Die grausamen, verfallenen Z\u00fcge brannten sich in Olivers Verstand. Der Alte erinnerte an eine bizarre Karikatur eines Menschen. Alle negativen Emotionen hatten sich in die Mimik um den lippenlosen Mund gegraben. Helle, fast blinde Augen starrten aus tiefen H\u00f6hlen. Die Pergamenthaut riss bereits \u00fcber den hohen Wangenknochen und dem massiven Kiefer. Der Geist entbl\u00f6\u00dfte Ruinen gelber Z\u00e4hne, die kaum noch in den Resten des einst rosigen Gewebes sa\u00dfen. Aus seinem Mund wand sich ein Klumpen schleimigen Fleisches.<\/p>\n<p>Der Alte umklammerte mit beiden Armen B\u00fccher. Aus den alten Werken troff Blut auf die Dielen.<\/p>\n<p>Oliver st\u00f6hnte gequ\u00e4lt auf. Einen Herzschlag sp\u00e4ter brach grell wei\u00dfes Licht aus der Scheibe. Die Welt um ihn gerann zu flackernder Helligkeit. Zeitgleich verschob sich der Raum. Er war dem Geist nah genug, um ihn ber\u00fchren zu k\u00f6nnen. Mit einem Satz brachte er Abstand zwischen sich und seinen Gro\u00dfvater.<\/p>\n<p>Wo waren der W\u00e4chter, Opa und Ruth?<\/p>\n<p>Olivers Blick irrte durch den verzerrten Innenraum des Ladens. Nichts, niemand. Er war mit seinem Gro\u00dfvater allein. W\u00fctend knirschte er mit den Z\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Der Alte umklammerte die B\u00fccher. Sein Maul verzog sich zu einem grotesken Grinsen.<\/p>\n<p>\u201eDein Leben f\u00fcr meine Freiheit!\u201c<\/p>\n<p>Seine Stimme klang wie Fingern\u00e4gel auf einer Tafel. Oliver \u00fcberlief eine G\u00e4nsehaut. Tief in seinem Herz bohrte Angst. Er kannte die Welt hinter den Spiegeln, schlie\u00dflich war er schon einmal gestorben und wurde zur\u00fcckgeholt. Wahrscheinlich hatte dieses Erlebnis seinen Geist f\u00fcr die Ebene der Toten sensibilisiert. Innerlich gefror er. Dieser Ort war erbarmungslos. Die S\u00fcnden, die im Leben begangen w\u00fcrden, gei\u00dfelten die Seele auf ewig.<\/p>\n<p>Er atmete tief durch. \u201eGlaubst du wirklich, dass ich dabei mitmache?\u201c Er sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eVergiss es!\u201c<\/p>\n<p>Der Alte lie\u00df die B\u00fccher zu Boden gleiten. Zwei von ihnen schlugen an willk\u00fcrlichen Stellen auf.<\/p>\n<p>\u201eAlles, was ich aufgebaut habe, vernichtest du!\u201c Der alte Mann ballte die F\u00e4uste. Oliver spannte sich. Das Licht brannte in seinen Augen. Er musste sich beherrschen, nicht zu blinzeln. Schleichende Ermattung ergriff ihn. Lebenskraft floss aus ihm heraus. Er musste etwas unternehmen. M\u00fchsam sammelte er Kraft.<\/p>\n<p>Waren Geister f\u00fcr ihn nicht stofflich?<\/p>\n<p>\u201eDer Schatz, den ich zusammengetragen habe \u2026\u201c<\/p>\n<p>Ohne Vorwarnung rammte er seinem Gro\u00dfvater die Faust gegen den Kehlkopf. Der Alte brach keuchend in sich zusammen.<\/p>\n<p>\u201eWas soll der Schei\u00df! Du hast dir das Leben genommen, du elender Feigling. Anspr\u00fcche kannst du gar keine mehr anmelden!\u201c<\/p>\n<p>W\u00fctend dr\u00fcckte er den alten Mann nieder. \u201eWas hast du getan, um an alte B\u00fccher zu kommen?!\u201c<\/p>\n<p>R\u00f6cheln antwortete ihm. Oliver lockerte seinen Griff. \u201eWas wirfst du mir vor?!\u201c<\/p>\n<p>Der Alte schlug seine Hand fort. \u201eSkrupel!\u201c Seine gesplitterten, nikotingelben Klauen schossen vor. Oliver sprang zur\u00fcck. Trotz seiner Reaktionsschnelle zogen die N\u00e4gel brennende Spuren \u00fcber seine Brust.<\/p>\n<p>Seine Energie lie\u00df nun rapide nach. Keuchend trat er nach seinem Gro\u00dfvater, der wieder auf die Beine kam. Er h\u00f6rte ein ungesundes Knacken in den morschen Knochen, als er mit dem Stiefel Schienbein und Knie traf.<\/p>\n<p>Der Alte schrie.<\/p>\n<p>Wie lang sollte dieser Kampf noch gehen? M\u00fchsam richtete Oliver sich auf. Er musste diesen Ort verlassen, bevor seine Lebensenergie sich in der Welt hinter den Spiegeln verteilte.<\/p>\n<p>Taumelnd drehte er sich im Kreis. Wo befand sich das Portal?<\/p>\n<p>Die blendende Helligkeit war das Einzige, was er sah.<\/p>\n<p>Rasch drehte er sich zu dem Alten um.<\/p>\n<p>Sein Gro\u00dfvater hatte sich aufgerichtet. Er presste die B\u00fccher wieder an sich. \u201eMein Leben \u2026!\u201c<\/p>\n<p>Wie eine Katze sprang der Alte ihn an. Schmerzen empfand er keine mehr.<\/p>\n<p>Oliver wankte zur Seite. Sein Gleichgewicht setzte aus. F\u00fcr einen furchtbaren Moment wusste er, dass sein Gro\u00dfvater gewonnen hatte. In der gleichen Sekunde l\u00f6ste sich etwas in seinem Verstand. Pl\u00f6tzlich sah er die Welt anders, klarer. Stimmen flirrten um ihn herum. Tiefe, dunkle Gef\u00fchle fluteten seine Seele. Vollkommen neue, monstr\u00f6se St\u00e4rke rann durch seinen K\u00f6rper. Er wusste unumst\u00f6\u00dflich, dass etwas Unmenschliches von ihm Besitz ergriffen hatte. Der Gedankengang ging so schnell, wie er kam. Einen Augenblick lang kannte er sogar die Antwort auf seine Fragen. Als die Klauen seines Gro\u00dfvaters in seine Brust drangen, verwischten die Eindr\u00fccke.<\/p>\n<p>Es tat nicht weh. Er starb nicht \u2026 Die Arme des Alten steckten bis zu den Ellbogen in seinem K\u00f6rper. Der Blick der hellen Augen wechselte von Triumph zu Entsetzen.<\/p>\n<p>Oliver sp\u00fcrte, wie er die Macht \u00fcber seine Handlungen verlor. Ein anderes Bewusstsein nistete sich ein, beherrschte ihn. Mit aller Kraft versuchte er den Eindringling zur\u00fcck zu dr\u00e4ngen. Ein stechender Schmerz in seinen Schl\u00e4fen lie\u00df ihn zusammen zucken. Er h\u00f6rte das Grollen des W\u00e4chters in seinen Gedanken.<\/p>\n<p><em>Gib nach!<\/em><\/p>\n<p>\u201eNein!\u201c<\/p>\n<p><em>Wir sterben.<\/em><\/p>\n<p>\u201eNie!\u201c<\/p>\n<p><em>Er ist ein M\u00f6rder.<\/em><\/p>\n<p>\u201eIch \u2026\u201c Oliver wurde schlecht. Er wusste, dass sein Gro\u00dfvater get\u00f6tet hatte. Ihm fiel es immer schwerer, dem Bewusstsein des W\u00e4chters Stand zu halten.<\/p>\n<p><em>Er hat seinen Schatz mit Leben erkauft.<\/em><\/p>\n<p>Obwohl ihm das keine Neuigkeit war, ersch\u00fctterte ihn diese Wahrheit. Der W\u00e4chter nutzte seine Chance. Von einer Sekunde zur n\u00e4chsten zwang ihn das Wesen in die Position des Beobachters. Oliver war nicht mehr Herr seines K\u00f6rpers \u2026<\/p>\n<p>Sein Kopf zuckte gegen die Kehle seines Gro\u00dfvaters. Ein schwacher Hauch Entsetzen ber\u00fchrte sein Herz, bevor sich seine Z\u00e4hne in die Kehle des Geistes schlugen und sie heraus rissen.<\/p>\n<p>Bebend starrte Oliver auf seine Brust. Nichts. Dort, wo der Geist gestanden hatte, lagen nur ein paar B\u00fccher, die vom Auslagentisch heruntergefallen waren. Das warme Licht der Kristalllampen umfing ihn. Er befand sich wieder in der Realit\u00e4t. Mit einem Blick \u00fcber die Schulter vergewisserte er sich, dass der W\u00e4chter diese Ebene verlassen hatte. Ruth hockte auf den Stufen, Opa neben sich. Ihre Augen schimmerten feucht. Zum ersten Mal sah er sie weinen.<\/p>\n<p>\u201eWas ist denn, Kleines?\u201c Auf unsicheren Beinen wankte er zu ihr und lie\u00df sich neben sie fallen. Ruth lehnte sich an ihn. Wie selbstverst\u00e4ndlich wischte sie ihr feuchtes Gesicht an seinem Pullover ab.<\/p>\n<p>\u201eHey, lass das mal nicht zur Gewohnheit werden!\u201c<\/p>\n<p>Sanft umarmte er sie. Ruth seufzte. \u201eEs ist gut, dass du zu ihnen geh\u00f6rst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas?\u201c<\/p>\n<p>Sie richtete sich auf. \u201eDu bist einer der W\u00e4chter, nur auf der anderen Seite der Spiegel\u201c, entgegnete sie. Mit einer Hand zupfte sie an ihrem Rocksaum.<\/p>\n<p>Eisiger Schrecken rann durch seine Adern. \u201eQuatsch \u2026\u201c<\/p>\n<p>Sie brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. \u201eWarum glaubst du, sammeln sich Geister in deiner N\u00e4he?\u201c<\/p>\n<p>Er hob die Schultern. \u201eWeil das ein verdammtes Haus ist?\u201c<\/p>\n<p>Vehement sch\u00fcttelte sie den Kopf. \u201eDu bist einer der W\u00e4chter. Die Grauen sind deine Gef\u00e4hrten.\u201c<\/p>\n<p>Er legte die Stirn in Falten. \u201eUnd woher wei\u00dft du das, Fr\u00e4ulein Naseweis?\u201c<\/p>\n<p>Mit gehobenen Brauen und dem Tonfall einer Erwachsenen entgegnete sie: \u201eWeil dein Gro\u00dfvater &#8211; mein Vater &#8211; schon einer war.\u201c<\/p>\n<p>Oliver zuckte zusammen. \u201eNiemals!\u201c<\/p>\n<p>Sie lachte humorlos auf, bevor sie sich erhob. \u201eEr ist f\u00fcr die ruhelosen Seelen verantwortlich, Oliver.\u201c Ihre Stimme nahm einen beschw\u00f6renden Klang an. \u201eUm an die ganzen Werke zu gelangen, opferte er hunderte Menschen. Ihr Leben ist an diesen Ort und an die wertvollen B\u00fccher gebunden.\u201c Sie drehte sich im Kreis. Mit einer Hand strich sie \u00fcber ihre Brust. \u201eEr hat sogar meine Mutter und mich geopfert.\u201c Oliver erhob sich. Behutsam zog er den Kinderk\u00f6rper an sich und streichelte ihren Kopf. \u201eEs ist vorbei, Ruth. Dein Vater kann dir und deiner Welt nie mehr gef\u00e4hrlich werden.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fahles Laternenlicht zerfaserte. Eisige Nebel hingen in den Stra\u00dfen, zwischen den H\u00e4usern und d\u00e4mpften jeden Laut auf ein unwirkliches Echo herab. Der Asphalt war glatt.<\/p>\n<p>Durch die dr\u00fcckende Atmosph\u00e4re roch die Luft nach Abgasen. Unter den Gestank mischte sich der Duft nach Geb\u00e4ck, Tannennadeln und Harz.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":116,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[421,24,26,29],"tags":[139,183,211,354,404,407,409],"class_list":["post-529","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blog","category-bucher","category-der-rebell-schattengrenzen-ii","category-eisnacht","tag-der-rebell","tag-geister","tag-horror","tag-schattengrenzen","tag-weihnachten","tag-wiesbaden","tag-winter"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/oliver.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/529","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=529"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/529\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1266,"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/529\/revisions\/1266"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}