{"id":522,"date":"2014-11-15T14:01:05","date_gmt":"2014-11-15T14:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/lysander1330.wordpress.com\/?p=522"},"modified":"2018-04-13T17:37:58","modified_gmt":"2018-04-13T17:37:58","slug":"die-nacht-in-mir-kurzgeschichte-zu-schattengrenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/?p=522","title":{"rendered":"Die Nacht in mir &#8211; Kurzgeschichte zu &#8220;Schattengrenzen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Passend zu kalten und bald weihnachtlichen Zeit &#8211; hier ein Link zu einer unver\u00f6ffentlichten Kurzgeschichte zu &#8220;Schattengrenzen&#8221; (Der Rebell)<\/p>\n<p style=\"text-align:left;\"><em>Die Nacht in mir<\/em><\/p>\n<p>Wann fing es an?<br \/>\nOliver wusste es nicht mehr genau. Loderte das Feuer schon in ihm, als sie sich das erste Mal begegneten?<br \/>\nNein, unm\u00f6glich. Zu Anfang empfand er Daniel lediglich als aufdringlich. Er nahm ihn nicht einmal wirklich wahr. Oliver senkte die Lider.<\/p>\n<p>Er erinnerte sich noch an jenen k\u00fchlen Herbsttag, an dem er und seine Br\u00fcder \u00fcbergangsweise in das Johannesstift gebracht wurden. Nach dem Mord an ihrer Mutter und dem Zusammenbruch ihres Gro\u00dfvaters boten sich ihnen keine weiteren Perspektiven mehr. Sie alle standen am Anfang eines Kriminalspektakels, in dem Oliver eine besondere Rolle zugedacht war. F\u00fcr ihn begann eine Berg- und Talfahrt seiner Gef\u00fchle. Die Angst, seine beiden kleinen Br\u00fcder zu verlieren, Gewissensbisse, Entsetzen \u00fcber die Ergebnisse ihrer Ermittlungen und die kleinen, ber\u00fchrenden Freuden zerrten bis heute an ihm. Seine Seele nahm damals Schaden.<\/p>\n<p>In dieser Zeit dr\u00e4ngte sich Daniel in sein Leben. Der Polizist kam Oliver falsch in seiner Rolle als Kommissar vor. Ihm fehlte jene w\u00fcrdevolle Distanz, die seine \u00e4lteren Kollegen vermittelten. Zu seinen F\u00e4llen baute er immer eine Art pers\u00f6nlicher N\u00e4he auf. \u00dcberhaupt unterschied er sich in allem von jedem anderen Beamten.<br \/>\nDaniel platzte in die tr\u00fcbe Realit\u00e4t. Er war herrlich lebendig. Seine Einstellung den Tag und nicht die Zukunft zu leben, vereinnahmte Oliver f\u00fcr ihn fast genauso sehr, wie seine unverw\u00fcstliche Frohnatur und seinen str\u00e4flichen Leichtsinn.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieses komplexen Falles nahm Daniel zuerst die Rolle des Besch\u00fctzers ein. Nach kurzer Zeit wurde er f\u00fcr Oliver Freund und Vertrauter. Vielleicht waren seine ersten, zaghaften Gef\u00fchle das Resultat von Daniels bedingungsloser F\u00fcrsorge.<\/p>\n<p>Oliver erinnerte sich, dass er in seinem Freund sehr bald mehr sah. Daniel bedeutete ihm viel, vielleicht alles. In der damaligen Situation und seiner schrecklichen Ungewissheit \u00fcber die Zukunft war er \u00fcberfordert. Mit f\u00fcnfzehn, fast sechzehn, erlag man schnell seinen Gef\u00fchlen.<br \/>\nSeine Welt brach ein, als der Fall abgeschlossen war. Ihre Wege trennten sich. Oliver verlor seine erste gro\u00dfe Liebe.<br \/>\nSo glaubte er wenigstens \u2026<\/p>\n<p>Lag dort der Anfang?<br \/>\nEr konnte sich diese Frage vorbehaltlos beantworten. Seit damals liebte er Daniel.<br \/>\nDoch an welchem Zeitpunkt entschied sich sein Freund f\u00fcr ihn? Dar\u00fcber schwieg Daniel.<\/p>\n<p>Olivers Blick schweifte hinaus. Das schwache Abbild seines Gesichtes reflektierte in der Fensterscheibe. Er ignorierte es. Eisnebel hing in der Luft. Die D\u00e4mmerung trat langsam ein. In einer knappen Stunde w\u00fcrde es hell werden. Die Trostlosigkeit der reif\u00fcberdeckten H\u00fcgel spiegelte die Leere in seinem Herz wieder. Seit zehn Tagen, genaugenommen seit seinem neunzehnten Geburtstag, hatte er diesen Raum nicht mehr verlassen. Die trockene Heizungsluft reizte seine Augen. Sie tr\u00e4nten st\u00e4ndig. Der Geruch war unangenehm. Er versuchte ihn zu ignorieren. Was g\u00e4be er nur f\u00fcr eine Zigarette; eine jener furchtbaren billigen, die Daniel immer rauchte. Er schob den Gedanken von sich.<\/p>\n<p>Erneut stellte er sich die Frage, wann es tats\u00e4chlich begann. F\u00fcr Oliver mit Sicherheit in dem Moment, in dem er Daniel nicht mehr als reinen Freund sah. Aber wann verliebte sich Daniel in ihn? Wie schwer fiel es ihm, den gro\u00dfen Altersunterschied zu ignorieren? Zehn Jahre waren viel. Meldete er sich deswegen bis zu jenem 14. Dezember nicht? Seine Gedanken schweiften zur\u00fcck in die Zeit vor drei Jahren.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>\u201eHoffmann!\u201c, Oliver zuckte zusammen. Er sa\u00df auf seinem Bett, das Kissen im Nacken und die Decke im R\u00fccken zusammengerollt. Im Hintergrund lief Musik. Er h\u00f6rte nicht wirklich zu. Seine Aufmerksamkeit galt anderen Dingen.<br \/>\nUm ihn verteilt lagen seine Schulb\u00fccher. Nach fast einem Jahr Rekonvaleszenz musste er den Stoff so schnell als m\u00f6glich nachholen. Er wollte die Klasse nicht wiederholen. Zum Wiedereinstieg wurde er zuerst noch einmal in die gleiche Klassenstufe verlegt, aus der er durch seinen Ausfall heraus gerissen wurde. Dank vieler Test und seiner guten Noten konnte er wieder in seinen Jahrgang wechseln. Allerdings fiel es ihm nun wesentlich schwerer. Jetzt nutzte er jede freie Minute zum Lernen.<br \/>\nAuf seinen Knien lag ein Collegeblock. Was ihm wichtig erschien, schrieb er auf. Sein analytischer Verstand funktionierte noch wie vor der Zeit in der Klinik. Er wollte sein Abitur verk\u00fcrzen. Zeit g\u00f6nnte er sich nicht. Es stand au\u00dfer Frage, dass er \u2013 elternlos wie er war \u2013 nun nicht mehr studieren konnte. Oliver setzte sich ein neues Ziel. Er wollte die Buchhandlung seines Gro\u00dfvaters \u00fcbernehmen. An sich gab es nicht sonderlich viel, was ihn an diesem Beruf reizte, allerdings war es die einzige M\u00f6glichkeit, Gesch\u00e4ft und Haus in Familienbesitz zu behalten.<\/p>\n<p>Obwohl er heute sechzehn Jahre alt wurde, war dieser Tag so wenig besonders wie jeder andere. In der kleinen Wohneinheit, in der er lebte, nahm darauf auch keiner der Pfleger R\u00fccksicht.<\/p>\n<p>Kai stie\u00df die T\u00fcr auf.<br \/>\n\u201eSag mal, du Penner, hast du nicht geh\u00f6rt?!\u201c, fauchte er.<br \/>\nOliver knirschte zornig mit den Z\u00e4hnen. Er hob den Blick und starrte den Jungen an. Er kannte Kai aus dem Johannesstift. Obwohl sie einander nicht mochten, verband Oliver etwas Positives mit ihm. Es war der Moment in dem er das erste Mal auf Daniel traf. Kais Gegenwart erinnerte ihn t\u00e4glich mit bitters\u00fc\u00dfen Gef\u00fchlen daran. Trotzdem verging kein Tag, an dem sie sich nicht gegenseitig bekriegten.<br \/>\n\u201eWas?!\u201c, zischte Oliver gereizt. Kais schlanke, kleine Gestalt wich bis auf den Flur zur\u00fcck. Seine Mimik \u00e4nderte sich trotzdem nicht. Er war die wandelnde Aggression.<br \/>\n\u201eBesuch, Arschloch!\u201c, gab er zur\u00fcck. Seine Stimme sank auf ein Grollen herab, was seinen unstillbaren Zorn nur verdeutlichte.<br \/>\nOliver richtete sich auf. Er rechnete mit seinen beiden kleinen Br\u00fcdern. Als Daniel an Kai vor\u00fcber trat und die T\u00fcr hinter sich zu warf, elektrisierte Olivers K\u00f6rper. Kai fluchte lauthals, trollte sich aber rasch.<br \/>\nDaniel brachte die vorwinterliche K\u00e4lte mit sich. Der kleine Raum f\u00fcllte sich mit Leben. Olivers Herz schlug schneller. Grinsend zog Daniel seine graue Wollm\u00fctze ab. An seinem \u00c4u\u00dferen schien sich kaum etwas ver\u00e4ndert zu haben. Sein rot-gr\u00fcnes Haar hing str\u00e4hnig um sein schmales, kantiges Gesicht. In den hellen Augen des Polizisten schimmerte der Schalk. Er zog seine schwere Lederjacke aus und lie\u00df sie auf Olivers B\u00fcrostuhl fallen. Irgendwie kam er Oliver noch gr\u00f6\u00dfer und muskul\u00f6ser vor.<br \/>\nSprachlos starrte er Daniel an. Sein Herz schlug schmerzhaft hart. Oliver wurde bewusst, dass er seinen Freund liebte.<br \/>\nRasch legte er seinen Block zur Seite und sprang auf. Stumm fiel er Daniel um den Hals. Stoff und Haut seines Freundes atmeten noch die eisige K\u00e4lte, doch sein K\u00f6rper verstr\u00f6mte rasch W\u00e4rme.<br \/>\n\u201eDas ist die Begr\u00fc\u00dfung, die ich wollte\u201c, lachte Daniel. Er umschlang Oliver fest. Mit einer Hand wuschelte er durch Olivers gelockten, herabh\u00e4ngenden Iro. \u201eDu bist unterdessen ein richtiger Punk, mein Kleiner.\u201c Er lachte. \u201eUnd du bist wieder gewachsen. Bald hast du mich eingeholt!\u201c<br \/>\nWortlos vergrub Oliver seinen Kopf an Daniels Schulter. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Sein Sch\u00e4del war leergefegt. Daniel dr\u00fcckte ihn lang an sich. Sein Atem streifte Olivers Hals. Wohlige Schauer durchrannen ihn.<br \/>\nEr f\u00fchlte sich unglaublich wohl.<br \/>\n\u201eHast du ein Karnickel in deiner Hose, oder ist das die Wiedersehensfreude?\u201c, fragte Daniel grinsend.<br \/>\nTats\u00e4chlich regte sich Olivers K\u00f6rper bei der intensiven N\u00e4he. Peinlich ber\u00fchrt wollte Oliver ihn loslassen, doch Daniel hielt ihn fest. \u201eBleib hier, dummer Kerl\u201c, fl\u00fcsterte er, wobei er seinen Griff etwas lockerte. Blut schoss in Olivers Wangen. Die Hitze, die binnen Sekunden zwischen ihren K\u00f6rpern entstand, blieb bestehen.<br \/>\nEr sah Daniel an. Alles in ihm schrie nach seiner N\u00e4he und dem Genuss, von ihm ber\u00fchrt zu werden. Er sah seinem Freund in die Augen. Eine leise, warnende Stimme in den verborgenen Winkeln seines Bewusstseins wisperte von der Gefahr ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen, wenn er auf diesem Weg weiter ging. Oliver ignorierte sie.<br \/>\nDaniel erwiderte seinen Blick. Derselbe gro\u00dfe Ernst, den Oliver bereits an ihm kannte, breitete sich in seinen Z\u00fcgen aus. Aller Schalk verschwand. Daniel schien zu \u00fcberlegen. In seinen Augen spiegelte sich ein Hauch seiner inneren Unruhe wieder. Er l\u00f6ste eine Hand von Olivers R\u00fccken. Die behutsame Ber\u00fchrung von seinen Fingern auf Olivers Wange brannten eine Spur aus Feuer \u00fcber seine Haut. Wortlos neigte er sich zu ihm. Oliver wusste was Daniel wollte. Instinktiv kam er ihm entgegen. Die Lippen seines Freundes waren rau. Trotzdem nahmen sie diesem Kuss nichts von seiner S\u00fc\u00dfe. Oliver sp\u00fcrte, wie seine Gef\u00fchle explodierten. Lava floss durch seine Adern. Seine Knie bebten. Mit flatternden Lidern erwiderte er Daniels Liebkosungen. Diese Ber\u00fchrungen verzauberten ihn. Oliver schlang seine Arme um Daniels Nacken. So schrecklich dieses Jahr auch sein mochte, es endete zauberhaft und sch\u00f6n.<br \/>\nNach einer Weile l\u00f6ste Daniel sich von ihm.<br \/>\n\u201eAlles Gute zum Geburtstag, mein Kleiner.\u201c<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Oliver senkte den Blick.<br \/>\nDamals, an jenem 14. Dezember, erwachte er zu neuem Leben. Er konnte noch immer nicht sagen, wann Daniel anfing ihn so sehr zu lieben. Die Antwort darauf blieb ihm sein Geliebter auf ewig schuldig. Sicher war nur, dass er Oliver liebte. Ihre gemeinsame Zeit war so sch\u00f6n und intensiv. Drei Jahre gr\u00f6\u00dften Gl\u00fccks zerbrachen heute mit grausamer Endg\u00fcltigkeit. Oliver sehnte sich schmerzhaft nach Daniels Gegenwart und W\u00e4rme.<\/p>\n<p>Jemand klopfte. Die Bilder zerfaserten wie der Nebel \u00fcber den winterd\u00fcrren H\u00fcgeln. Die Szenerie vor ihm verschwamm. Oliver wurde klar, dass er weinte.<br \/>\nKai trat ein. Oliver beobachtete seinen alten Freund in der Scheibe. Wortlos schritt Kai zu ihm. Er trug das allgegenw\u00e4rtige, widerliche Krankenhaus-Gr\u00fcn.<br \/>\nBehutsam legte er Oliver eine Hand auf den R\u00fccken. Automatisch versteifte er sich unter Kais Ber\u00fchrung. Sie f\u00fchlte sich so falsch an.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df, was in dir vor sich geht\u201c, fl\u00fcsterte Kai. Oliver presste verzweifelt die Kiefer aufeinander. Er schwieg.<\/p>\n<p>In der Reflektion des Fensters erkannte er einen weiteren Mann. In den letzten zehn Tagen waren sie sich oft begegnet. Der Arzt hielt sich dezent im Hintergrund.<\/p>\n<p>Oliver drehte sich br\u00fcsk um. Kais Hand glitt von seiner Schulter herab. Mit langen Schritten ging er zu Daniels Bett. Wie bleich er war. Seine Z\u00fcge wirkten ersch\u00f6pft und zugleich glatt wie die eines Kindes. Str\u00e4hnen seiner bunten Haare lagen auf dem wei\u00dfen Kissen. Auch sie wirkten farblos auf Oliver. Daniels sch\u00f6nes Gesicht \u2026<\/p>\n<p>Er neigte sich zu seinem Geliebten herab und k\u00fcsste ihn. Seine Lippen schmeckten nach Tod. Sie f\u00fchlten sich kalt an. Diese furchtbare Krankheit! Er strich Daniel \u00fcber die Wange. Heute war der letzte Tag ihrer beider Leben, das damals zu einem verschmolz. Welch ein Hohn. Was f\u00fcr eine furchtbare Weihnachts\u00fcberraschung.<br \/>\nDer Arzt trat zu ihm. \u201eHaben Sie die Patientenverf\u00fcgung gelesen und alles unterschrieben, Herr Hoffmann?\u201c<br \/>\nOliver nickte schwach. Diese letzten Worte fielen ihm so unendlich schwer.<br \/>\n\u201eBitte, schalten sie die Maschinen ab.\u201c<\/p>\n<p>\u00a9 by Tanja Meurer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann fing es an?<br \/>\nOliver wusste es nicht mehr genau. Loderte das Feuer schon in ihm, als sie sich das erste Mal begegneten?<br \/>\nNein, unm\u00f6glich. Zu Anfang empfand er Daniel lediglich als aufdringlich. Er nahm ihn nicht einmal wirklich wahr. 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