{"id":1428,"date":"2019-10-03T13:22:05","date_gmt":"2019-10-03T13:22:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/?p=1428"},"modified":"2019-10-03T13:43:35","modified_gmt":"2019-10-03T13:43:35","slug":"neues-cover-fuer-das-ebook-zu-glasseelen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/?p=1428","title":{"rendered":"Neues Cover f\u00fcr das eBook zu &#8220;Glasseelen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Wie sich in den letzten Monaten gezeigt hat, zieht das eBook-Cover zu Glasseelen so gut wie gar nicht. Dementsprechend hat sich die Designerin <a href=\"https:\/\/www.ancutici.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Manuela Ancutici (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Manuela Ancutici<\/a> (Little Kunoichi) des Problems angenommen. Das Ergebnis ist einfach toll geworden \ud83d\ude00 Hier k\u00f6nnt ihr euch die Entwicklung des Covers ansehen, angefangen mit dem Cover von Bookshouse, \u00fcber das Cover von Edition Roter Drache, bis hin zu Manuelas Cover:<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:list {\"ordered\":true} -->\r\n<ol>\r\n<li>Cover, 2013, Layout von Bookshouse<br \/><br \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-502\" src=\"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/10_700-1.jpg\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"440\" srcset=\"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/10_700-1.jpg 442w, https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/10_700-1-189x300.jpg 189w\" sizes=\"auto, (max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><\/li>\r\n<li>Cover 2017, Layout von Edition Roter Drache<br \/><br \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1186\" src=\"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Glasseelen.jpg\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"401\" srcset=\"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Glasseelen.jpg 678w, https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Glasseelen-600x850.jpg 600w, https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Glasseelen-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><br \/><br \/><\/li>\r\n<li>Cover 2019, Layout Manuela Ancutici<br \/><br \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1426\" src=\"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/rz_Glasseelen1_fin.jpg\" alt=\"Glasseelen - Schattengrenzn 1\" width=\"293\" height=\"436\" srcset=\"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/rz_Glasseelen1_fin.jpg 731w, https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/rz_Glasseelen1_fin-600x894.jpg 600w, https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/rz_Glasseelen1_fin-201x300.jpg 201w, https:\/\/www.schattengrenzen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/rz_Glasseelen1_fin-687x1024.jpg 687w\" sizes=\"auto, (max-width: 293px) 100vw, 293px\" \/><\/li>\r\n<\/ol>\r\n<!-- \/wp:list -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p>Dieses neue Bild gef\u00e4llt mir einfach um l\u00e4ngen besser als das x-te Frauengesicht. Der Roman ist d\u00fcster, spielt unter Berlin und &#8211; klar &#8211; es geht um einen Frauenm\u00f6rder, der den Damen die Augen rausschneidet. Aber das ist eben nicht alles. Es geht tief unter Berlin in die sogenannten Unterwelten, spielt in alten Bunkern und Kan\u00e4len, basiert auf E.T.A. Hoffmanns Nachtst\u00fcck &#8220;Der Sandmann&#8221; und streift auch das Leben Hoffmanns. Allein deshalb war es mir wichtig, nnicht alles auf eine Frau zu reduzieren. Hier ein Ausschnitt aus dem 1. Kapitel:<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p><em>Als sein Sch\u00e4del auf dem Boden aufschlug und ein Rinnsal hellen Blutes um die Spitze ihres Turnschuhs lief, h\u00f6rte die Welt f\u00fcr einen Moment auf zu atmen. Camilla starrte auf den Mann, der sich vor ihren F\u00fc\u00dfen zu Tode gest\u00fcrzt hatte. Sein aufgedunsenes Gesicht verf\u00e4rbte sich langsam blauviolett. \u00c4derchen traten an Stirn und Schl\u00e4fen hervor. \u00dcber seine halb offenen Lippen quollen Blut und Speichel, seine gebrochenen Glieder standen grotesk ab. Knochen stachen durch den Stoff von Jeans und T-Shirt.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camilla h\u00e4tte nie gedacht, dass jemand so wenig blutete, wenn er von einem Dach sprang. Sie betrachtete den Toten aus einer eigenartig fernen Perspektive. Als l\u00e4ge er nicht zerschmettert zu ihren F\u00fc\u00dfen, sondern als liefe ein Film vor ihr ab. Vielleicht lag es an der Stille, an diesem Fehlen jedweden Lautes.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Die H\u00e4nde in den Taschen ihrer Jacke vergraben, die Finger um irgendetwas verkrampft, beobachtete sie, wie sein Blut unter ihre Schuhe rann und den Saum ihrer Cordhose durchtr\u00e4nkte. Erst nach einer Weile trat sie einen Schritt zur Seite. Trotzdem konnte sie den Blick nicht von dem Mann wenden. Seine toten Augen schienen in den wolkenlosen Sommerhimmel zu starren. In der intensive blauen Iris glitzerten Sonnenstrahlen. Etwas rollte aus den Fingern seiner linken Hand. Camilla fuhr zusammen. Eisige K\u00e4lte kroch ihre Wirbels\u00e4ule herauf und legte sich erstickend um ihr Herz.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Zwei blutige Kugeln, an denen feine, feuchte Nervenstr\u00e4nge hingen, blieben unweit der verdrehten Schulter neben seinem Gesicht liegen. Unter den klebrig roten Schlieren und dem Stra\u00dfenschmutz stachen hellblaue Iris hervor.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Eine Woge Grauen \u00fcberflutete Camilla und drohte, ihren Verstand mit sich zu rei\u00dfen. Sie biss sich auf die Unterlippe und den Piercingring. Der kurze, stechende Schmerz half, die aufkommende Panik zu d\u00e4mpfen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Sie schluckte einen Klo\u00df im Hals hinunter, dennoch blieb die Angst. Ihr Magen rebellierte, ihre Knie waren kaum noch in der Lage, sie zu halten.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Kontrolliert atmete sie ein und aus, bis der Boden unter ihren F\u00fc\u00dfen wieder stillstand. Etwas hatte sich ver\u00e4ndert. Der Himmel spiegelte sich nicht mehr in den toten Augen. Sie wurden stumpf und verloren alle Farbe, bis sie wie graubraune Erdklumpen aussahen. Ein St\u00fcck br\u00f6ckelte daraus ab.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Wie paralysiert fixierte Camilla die Steinklumpen in den H\u00f6hlen, die zu grauem Sand und Staub zerfielen. Wind kam auf und wehte ihn davon. Von einem Herzschlag auf den anderen erwachte die Welt um sie zu neuem Leben. Menschen schrien und rannten \u00fcber den Museumsvorplatz. Der Stra\u00dfenl\u00e4rm \u00fcberrollte Camilla mit uns\u00e4glicher Gewalt und in einer Geschwindigkeit, als raste die Zeit, um den verlorenen Takt wieder einzuholen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Erschrocken presste Camilla die H\u00e4nde gegen die Ohren. Theresa zuckte zusammen und umklammerte ihren Arm. Sie st\u00f6hnte lese auf. Camilla merkte, dass sie zu wanken begann. Unsicher taumelte Theresa und zog sie von dem Toten fort.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Sie stolperte zwei, drei Schritte r\u00fcckw\u00e4rts. Camilla konnte ihren Blick nicht von den blutigen Abdr\u00fccken ihrer Schuhsohlen l\u00f6sen. Sie folgte den Spuren zur\u00fcck zu der Leiche.<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u201eCamilla!\u201c, w\u00fcrgte Theresa hervor. Ihre Stimme klang viel zu hoch. Der schiere Anblick des Toten musste sie entsetzen. Zitternd vergrub sie ihr Gesicht an Camillas Hals. Ihr feuchtwarmer Atem f\u00fchlte sich unangenehm an. Dennoch umarmte Camilla sie fest und dr\u00fcckte sie an sich. Am Rande bemerkte sie, dass sich Schaulustige um sie sammelten. Einige dr\u00e4ngten vor, suchten aber eilig das Weite, als sich entfernt Martinsh\u00f6rner in den L\u00e4rm der Umwelt mischten.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camilla fokussierte den Mann immer wieder. Die zu Staub zerfallenen Augen konnte sie sich nur eingebildet haben. Erneut kroch K\u00e4lte in ihren K\u00f6rper. Was f\u00fcr ein kranker Albtraum war das? Sie zwang sich, das Gesicht nicht l\u00e4nger anzustarren, doch ihre Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zur\u00fcck, registrierte jedes Detail. Seine Rechte hielt ein altes Fernrohr umklammert. Das Licht brach sich auf Okular und Messingelementen. Vergleichbare Objekte kannte sie von Steampunk-Veranstaltungen, aus Museen und B\u00fcchern, aber dieser Gegenstand l\u00f6ste eine eigenartige Empfindung von Erkennen aus. Sie kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Es war ein D\u00e9j\u00e0-vu, verbunden mit dem Wunsch das Fernrohr an sich zu nehmen. Pl\u00f6tzlich fiel es Camilla schwer, nicht die Hand auszustrecken und danach zu greifen. Es war wie ein Zwang, erstickend und stark. Sie musste es haben! F\u00fcr einen Moment zerriss der Schleier und die Wahrheit blitzte auf. Es war nur ein einziger kurzer Moment, zu schnell vor\u00fcber, um ihn zu ergreifen. Was zur\u00fcckblieb, war nebul\u00f6se Leere, die sie nicht zu f\u00fcllen in der Lage war.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Theresa riss sich von ihrer Seite los und begann zu w\u00fcrgen. Der letzte Rest des unheimlichen Banns brach. Hilflos hielt sie die Schultern ihrer Freundin umfasst, w\u00e4hrend diese sich \u00fcbergab. Tr\u00e4nen rannen \u00fcber Theresas Wangen und zogen feuchte Spuren \u00fcber ihre bleiche Haut. Ihre au\u00dfergew\u00f6hnlichen, zweifarbigen Augen wirkten entz\u00fcndet und die schweren Lider verquollen. Sie zitterte am ganzen Leib. Feine Schwei\u00dfperlen bedeckten ihre Haut und verklebten die kurzen blonden Haare auf ihrer Stirn. An den Lippen hingen noch Tropfen von Erbrochenem.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Keuchend knickte Theresas ein. Camilla konnte gerade noch zugreifen, bevor sie auf dem Boden aufschlug. Sie st\u00fctzte ihre zierliche Freundin und f\u00fchrte sie zu einer Bank, lie\u00df sie Platz nehmen und suchte in ihrer Jacke nach Taschent\u00fcchern. Pl\u00f6tzlich erfasste sie ihre Umwelt wieder vollkommen rational. Ihr war sofort bewusst, was sie zuvor umklammert hatte: Taschent\u00fccher und Geldb\u00f6rse. Rasch zog sie das P\u00e4ckchen hervor. Der Geruch nach S\u00e4ure und halb verdautem Fr\u00fchst\u00fcck stieg ihr in die Nase. Das Erbrochene war zu viel f\u00fcr ihren Magen. Sie versuchte, so wenig wie m\u00f6glich zu atmen, als sie Theresa die Magens\u00e4uretropfen von den Lippen tupfte. Erneut w\u00fcrgte Theresa. Hoffentlich \u00fcbergab sie sich kein zweites Mal. Der Geruch allein reichte aus, dass es Camilla \u00fcbel wurde. Als sie das schmutzige Taschentuch ein St\u00fcck von sich auf den Boden warf, fing sie sich wieder. Sie lie\u00df sich vor ihrer Freundin in die Hocke sinken und ergriff ihre H\u00e4nde. Trotz der morgendlichen Julihitze f\u00fchlten sie sich an wie die einer Toten. Aus weit aufgerissenen Augen starrte Theresa durch sie hindurch. Der Anblick der blauen und der braunen Iris wirkte leicht verwirrend. Angst hatte sie dunkel gef\u00e4rbt. Unwillk\u00fcrlich fragte sich Camilla, was Theresa gesehen hatte. Das Gleiche wie sie?<\/em><\/p>\r\n<p><em>Langsam kroch ein Hauch des Grauens in ihr Herz. Sie fror entsetzlich. Ihre H\u00e4nde flatterten. Aber sie empfand nichts, es waren Theresas Gef\u00fchle, die sie in sich aufnahm. Sie f\u00fcrchtete sich vor dem Augenblick, in dem sie von all den Emotionen \u00fcberschwemmt w\u00fcrde, die sie bislang erfolgreich verdr\u00e4ngte. Doch im Moment konnte sie nichts weiter tun, als f\u00fcr Theresa da zu sein und alle St\u00e4rke aufzubringen, zu der sie in der Lage war. Nur wie lange hielt sie das durch?<\/em><\/p>\r\n<p><em>Jenseits der Spreegabelung und der Museumsbr\u00fccke hielten Krankenwagen und Polizei. Sanit\u00e4ter mit Bahre und Zinksarg \u00fcberquerten den Steg und kamen die Stufen herauf, w\u00e4hrend uniformierte Polizisten Schaulustige zur Seite trieben.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camillas Gedanken kreisten um den Selbstm\u00f6rder. Wer war er gewesen und warum war er gesprungen?<\/em><\/p>\r\n<p><em>Ihr Blick schweifte \u00fcber den Museumsvorplatz, \u00fcber das ameisenartige Gewusel von M\u00e4nnern und Frauen in Uniformen und an der glatten Fassade hinauf. Von au\u00dfen gab es keinen Weg hinauf. Wie war er also in das Geb\u00e4ude gelangt \u2026 und von welcher Stelle war er gesprungen, um punktgenau vor ihren F\u00fc\u00dfen aufzuschlagen? \u00dcber dem Quader, der den Haupteingang bildete, gab es aus ihrer Perspektive keine M\u00f6glichkeit, das Dach zu betreten. Rechts und links neben den Seitenfl\u00fcgeln standen auch keine Scherenb\u00fchnen oder andere Hebeeinrichtungen. M\u00f6glicherweise irrte sie sich und er hatte den Sprung von ganz oben geschafft. Aber dann h\u00e4tte er auf dem Vordach aufschlagen m\u00fcssen, was ihm vermutlich schon das Genick gebrochen h\u00e4tte und er gar nicht hier unten aufgeschlagen w\u00e4re. Sie legte den Kopf in den Nacken, um den pylonartigen Zentralfl\u00fcgel besser in Augenschein nehmen zu k\u00f6nnen. Es w\u00e4re vollkommen unm\u00f6glich gewesen, von dort in einem so weiten Bogen zu springen. Niemand \u00fcberbr\u00fcckte mehr als 10 Meter Tiefe, selbst wenn er geschleudert worden w\u00e4re. Theresa lehnte sich vertraut an sie. Ihre kleine Hand blieb auf Camillas H\u00fcfte liegen. Sie brauchte dringend Zuwendung. Sacht streichelte Camilla \u00fcber ihre Schulter und dr\u00fcckte sie fest an sich.<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u201eGeht es dir besser?\u201c, fl\u00fcsterte sie. Theresa sah zu ihr und verzog gequ\u00e4lt die Lippen. Langsam sch\u00fcttelte sie den Kopf. In ihren Augen stand noch immer dieser tiefe Schrecken. Besorgt fuhr Camilla durch ihr strubbeliges Haar.<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u201eKann ich verstehen.\u201c Camilla f\u00fchlte nichts von dem Schrecken. Ihre Neugier war geweckt. War das nicht vollkommen irrsinnig? Warum dachte sie schon wieder \u00fcber den Toten nach? Sie sah die Leiche an. Der arme Kerl begann ihr leidzutun. Trotzdem wollte sie wissen, wie er gestorben war und warum. Wie war er \u00fcberhaupt vor der \u00d6ffnungszeit ins Museum gekommen? Sie kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Wenn er Mitarbeiter des Museums war, w\u00e4re es erkl\u00e4rbar gewesen. Aber er trug weder Uniform noch Arbeitskleidung wie die Leute der Putzkolonne. M\u00f6glicherweise hatte er sich noch nicht umgezogen. Von den Fielmann-Mitarbeitern wusste sie, dass sie sich auch erst im Haus umzogen, bevor sie an die Arbeit gingen. Vielleicht war es bei ihm nicht anders. Sie biss sich auf die Lippe, zupfte an den trockenen Hautsch\u00fcppchen um ihren Piercingring.<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u201eK\u00f6nnen wir verschwinden?\u201c, fl\u00fcsterte Theresa dicht neben ihrem Ohr, sodass ihr Atem auf der Haut kitzelte.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Mit einer Kopfbewegung zu den Einsatzfahrzeugen sch\u00fcttelte Camilla den Kopf.<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u201eIch glaube, das k\u00f6nnen wir knicken.\u201c<\/em><\/p>\r\n<p><em>Schwer seufzte Theresa. \u201eWar mir klar.\u201c Sie schob ihre Arme um Camillas Taille und kroch halb unter ihre Jacke. Leise f\u00fcgte sie hinzu: \u201eDas werde ich nie mehr vergessen.\u201c Ihr Zittern nahm zu. Sanft umschlang Camilla sie und schmiegte ihre Wange in Theresas Haar. \u201eDer Tote?\u201c, fragte sie.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Trocken schluckte Theresa. \u201eAuch, aber besonders dieses \u2026\u201c Sie zuckte in Camillas Arm die Schultern, als sie keine Worte fand.<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u201eDieses was?\u201c, hakte Camilla mit in Falten gelegter Stirn nach.<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u201eIch wei\u00df nicht, wer oder was das war, aber nachdem der K\u00f6rper aufgeschlagen ist, habe ich hochgeschaut und jemand da stehen sehn.\u201c<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camilla lie\u00df sie los und ergriff ihre Schultern. \u201eWas?\u201c<\/em><\/p>\r\n<p><em>Offenbar hatte sie zu laut gesprochen, denn die Leute um sie herum schauten sich zu ihnen um. Theresas Blick glitt an Camilla vorbei zum Eingang. Sie schien immer noch etwas zu sehen, denn ihre Augen weiteten sich. Rasch wandte Camilla sich um und sah hinauf. Nichts \u2026 Was sah Theresa? Sie sah oft Dinge, die Camilla allenfalls sp\u00fcrte. Ihr rann ein Schauder \u00fcber den R\u00fccken. Steckte etwas \u00dcbernat\u00fcrliches dahinter? Aufgeregte Nervosit\u00e4t rann durch ihre Glieder. Die morbiden Gedanken faszinierten sie ebenso sehr, wie sie ihr Angst einjagten. Wenn Theresa etwas gesehen hatte, waren die zu Sand zerfallen Augen des Toten keine Einbildung gewesen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n<p>Und noch einmal ein Abschnitt weiter hinten, tief unter der Erde:<br \/><br \/><\/p>\r\n<p><em>Hastig kramte Camilla ihr Handy heraus. Sie konnte um Hilfe telefonieren. Die Empfangsbalken waren ausgeblendet. Trocken schluckte sie. Das war es wohl \u2026 Nein, aufgeben kam nicht in Frage! Sie schaltete die Taschenlampe ein und sah sich um, ob es eine provisorische Waffe oder ein Versteck gab.<\/em><\/p>\r\n<p><em>In hintereinander aufgereihten Regalen lagen Bettlaken, Bez\u00fcge und OP-Hemden, aber als Waffe konnte sie nichts davon nutzen. Ihr Mut sank.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Pl\u00f6tzlich schlug etwas unglaublich Schweres mit Schwung von au\u00dfen gegen die T\u00fcr. Camilla fuhr zusammen. Grimm!, dachte sie. Aber die Wucht des Aufpralls hatte etwas von der Schwere eines Kleinwagens \u2026 Eiskalt rann es ihr den R\u00fccken hinab. In dem Moment bemerkte sie etwas Metallenes, das verborgen hinter einem Regal lag.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Grimm r\u00fcttelte wie ein Irrer an der Klinke.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camilla federte hinter die W\u00e4scheberge und ging in Deckung. Scheinbar tobte er und behinderte sich selbst, denn er riss immer noch an der T\u00fcr, wodurch sie Zeit gewann. Sie betrachtete das, was sie gesehen hatte. Es war der rostige Griff an einer uralten Stahlt\u00fcr, deren B\u00e4nder mit gewaltigen Nieten versehen waren. Camilla tastete nach dem Knauf und zog daran. Es gab einen kurzen Ruck, dann klemmte die T\u00fcr. Camilla leuchtete hinab. Kratzspuren in den Kacheln bewiesen, dass sie nur mehr Kraft aufwenden musste. Sie schaltete die Taschenlampe ab und schob das Handy in die Hosentasche.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Mit beiden H\u00e4nden und unter\u00a0 Einsatz ihres gesamten Gewichtes kratzte der Holm \u00fcber den Boden, bis der Spalt gro\u00df genug war, um hindurch zu schl\u00fcpfen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Klamme K\u00e4lte wehte ihr entgegen, der Geruch nach feuchtem, altem Stein, Moder und F\u00e4ulnis. Weit entfernt rauschte Wasser. Krallen von Ratten oder M\u00e4usen schabten \u00fcber den Boden.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Gewaltsam wurde die T\u00fcr zur W\u00e4schekammer aufgesto\u00dfen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camilla wirbelte herum. Aus ihrer Deckung gewahrte sie Grimm im Gegenlicht des Flurs. Er wirkte noch monstr\u00f6ser, als sie ihn in Erinnerung hatte. Hinter ihm tauchte ein zweiter, riesenhafter Mann auf, dessen schaufelartige H\u00e4nde hinabpendelten und dessen Kopf unnat\u00fcrlich deformiert war. Sie fuhr zusammen. Ihn hatte Theresa auf dem Museum stehen sehen, dessen war sie sicher. Ihr Herz h\u00e4mmerte so hart, dass sie glaubte, Grimm oder das Ungeheuer k\u00f6nnten es h\u00f6ren. Aus der Kammer drangen Grunzlaute.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Renn! Sie sind dein Tod! Der Mann sprach wieder mit ihr, er war keine Einbildung!<\/em><\/p>\r\n<p><em>So leise sie konnte schob sie sich an der Wand entlang von der T\u00fcr fort. Sie musste nur genug Strecke zwischen sich und diese Monster bringen, um die Taschenlampe wieder einschalten zu k\u00f6nnen. Nach einer Weile ging sie schneller, bis der Gang abknickte und die Stimmen zur\u00fcckgefallen waren. Erst jetzt wagte sie nach ihrem Handy zu greifen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Der Tunnel war grob gemauert und schloss sich dicht \u00fcber ihrem Kopf in einem Tonnengew\u00f6lbe. Staubige Spinnweben hingen von der Decke. In den Fugen der Ziegel hatten sich Schimmel und Moos gesammelt. Wassertr\u00f6pfchen schimmerten in dem wei\u00dfen Licht ihres Mobiltelefons. Kleine Schatten huschten vor ihr davon. Eine langbeinige Spinne zog sich dicht vor ihrem Gesicht wieder nach oben. Camilla erschrak kaum vor ihr.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Die Stimme in ihrem Kopf hatte sie hierher gelotst. Und nun? Kamen weitere Anweisungen, Hilfestellungen wenigstens?<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u201eWohin soll ich mich wenden?\u201c, wisperte sie. Nat\u00fcrlich blieb jede Antwort aus.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Das konnte alles nicht wahr sein. Camilla betrachtete die Akku-Anzeige. Ewig w\u00fcrde sie das Licht nicht eingeschaltet lassen k\u00f6nnen. Diese App fra\u00df Strom. Mit einer Hand strich sie sich die verschwitzten Haarstr\u00e4hnen aus der Stirn. Dann musste sie selbst einen Weg nach oben suchen. Hoffentlich verlief sie sich nicht \u2026<\/em><\/p>\r\n<p><em>Sie schob den Gedanken von sich. Es war nicht gut, sich selbst in Panik zu versetzen. M\u00fchsam rief sie sich zur Ordnung.<\/em><\/p>\r\n<p><em>W\u00e4hrend jeden Atemzugs rasselten Camillas Lungen, als w\u00e4re darin etwas kaputt gegangen. Staub und Schimmel in der Luft hinterlie\u00dfen einen widerlichen Geschmack auf ihrer Zunge. Sie f\u00fchlte sich elend und ersch\u00f6pft, dennoch w\u00e4re es unklug gewesen, l\u00e4nger stehen zu bleiben.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Sie leuchtete in den Gang nach links und rechts. In beiden Richtungen sah er gleich aus.<\/em><\/p>\r\n<p><em>In dem tiefen Staub auf dem Boden krabbelten K\u00e4fer von ihr fort. Sie \u00fcberlegte, wohin sie sich wenden sollte, um wieder in die Freiheit zu gelangen, konnte es aber nicht sagen. Ihr Gef\u00fchl riet, sich links zu halten, um an anderer Stelle in die psychiatrische Klinik oder zumindest auf deren Gel\u00e4nde zur\u00fcckzukommen. Wenn diese Tunnel nicht uralte Fluchttunnel waren, geh\u00f6rten sie sicher zu Versorgungssch\u00e4chten der \u00e4lteren H\u00e4user auf dem Gel\u00e4nde der Charit\u00e9.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Sie schaltete die App aus und schob sich vorsichtig nah an der Wand entlang. Auch wenn sie sich ekelte, in Schimmel zu greifen oder eine Spinne auf der Hand sitzen zu haben, war es sicher. An der n\u00e4chsten Abzweigung k\u00f6nnte sie das Display einschalten, vielleicht half das schon. Zumindest fra\u00df es nicht so viel Akku.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Nach einer Zeit gew\u00f6hnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Von irgendwoher gelangte manchmal ein schwacher Lichtschimmer in die Gew\u00f6lbe. Sie vermutete, dass es durch Kanaldeckel drang. Auch wenn sie nichts klar erkennen konnte, bemerkte sie doch andere Tunnel oder Sch\u00e4chte.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Ihre Atmung hatte sich wieder beruhigt. Zum ersten Mal merkte sie, wie schlecht ihr K\u00f6rper trainiert war. T\u00e4gliches Radfahren und Joggen waren definitiv nicht ausreichend, wenn man um sein Leben rennen musste.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Sie versuchte, sich von den Ereignissen abzulenken, was ihr nicht gelang. Die sich in Sand zersetzenden Augen verfolgten sie immer wieder. Das in Kombination mit dem Artikelausschnitt und der Erz\u00e4hlung Theresas ergaben Fragmente eines Gesamtbildes, dass sie noch nicht wirklich erkennen konnte. Zumindest war Camilla sicher, sich die unheimlichen Ereignisse nicht eingebildet zu haben. Automatisch dachte sie an Grimm, der Theresa und sie bedr\u00e4ngt hatte. Vielleicht war er mit diesem Monster \u2013 wo immer der Zusammenhang zwischen den beiden M\u00e4nnern lag &#8211; immer noch hinter ihr her. Langsam manifestierte sich die Idee, dass er andere M\u00f6glichkeiten haben k\u00f6nnte, um sie zu beobachten. In ihrer Fantasie \u00f6ffneten sich steinerne Lider in den W\u00e4nden, sobald sie eine Stelle passiert hatte, und Blicke folgten ihr. Sofort f\u00fchlte sie sich beobachtet. Sie kramte das Handy heraus und schaltete es ein, aber es war nichts zu sehen. Erleichtert schaltete sie es ab und atmete auf.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Leider hatte sich ihre Fantasie an der Vorstellung festgefressen. Wieder sp\u00fcrte sie Augen, die sie von hinten beobachteten. Die keimende Panik lie\u00df sich kaum mehr versiegeln. Immer wieder h\u00f6rte sie das Kratzen von Krallen im Staub vor und hinter sich, was weitaus lauter klang als Rattenf\u00fc\u00dfchen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Pl\u00f6tzlich sah sie schemenhaft ein unf\u00f6rmiges Wesen mit breiten Schultern und pendelnden Armen. Das Ding hatte einen l\u00e4cherlich kleinen, schmalen Sch\u00e4del, seine schartigen N\u00e4gel kratzten \u00fcber Stein. Grimms Begleiter. Sie schrie auf und machte ein paar Schritte zur\u00fcck, fuhr herum und rannte ohne zu wissen wohin. Die Tunnel verzweigten sich. Camilla stolperte, prallte gegen W\u00e4nde und strauchelte. Hinter ihr folgten dumpfe Schritte, die sich immer weiter verloren. Trotzdem hielt sie erst an, als die Schmerzen in ihren Lungen \u00fcberhandnahmen. Schwindelig und atemlos taumelte sie gegen eine Wand und sank auf den schmutzigen Boden. Untere ihren Fingern sp\u00fcrte sie k\u00f6rnigen Dreck. Schwer st\u00fctzte sie sich ab und lie\u00df den Kopf nach vorne fallen. Ihr Herz schlug schwer und hart in der Brust, bis sie glaubte, an ihrer Angst zu ersticken.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Wenn sie je hier hinauskommen sollte, w\u00fcrde sie Berlin verlassen und nie wieder zur\u00fcckkehren!<\/em><\/p>\r\n<p><em>In Frankfurt waren keine Monster hinter ihr her. Das Unheimlichste, was ihr dort passieren konnte, waren aufdringliche Kerle, die sie nachts bel\u00e4stigten.<\/em><\/p>\r\n<p><em>M\u00fchsam rang sie nach Luft und schloss die Augen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Selbst wenn sie lebend aus den Katakomben kam, konnte sie nicht weg. Nicht ohne Theresa. Was, wenn sie vor Stunden bereits Grimm in die Finger geraten war? So unheimlich er wirkte, er war auch Polizist, jemand, dem man vertrauen sollte.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Ihre Kehle zog sich schmerzhaft zusammen. Vielleicht hatte er Theresa erwischt. Erneut erschuf ihre Fantasie Visionen einer zerfleischten Leiche. Der Brustkasten war ge\u00f6ffnet und die Rippen nach au\u00dfen gebrochen. Wo das Herz sein sollte, befand sich zerfetztes Gewebe in einem schmierigen Blutbrei. Dieser verdammte Artikel! Warum vermischte sich in ihrer Vorstellung das, was sie gelesen hatte mit dem, was ihr passiert war?<\/em><\/p>\r\n<p><em>Um die Gedanken abzusch\u00fctteln, zwang sich Camilla auf die F\u00fc\u00dfe und lief weiter, aber die Vorstellung lie\u00df sie nicht mehr los. Sie trat in etwas Weiches, das sie mit dem Schuh zerdr\u00fcckte. F\u00e4ulnisgeruch stieg auf und h\u00fcllte sie ein. Sie sp\u00fcrte, wie ihr Verstand in einer neuen Woge aus Panik erstickt wurde, und rannte los.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Eine gef\u00fchlte Ewigkeit sp\u00e4ter lie\u00df sie sich ersch\u00f6pft und verzweifelt gegen eine Wand sacken. Tr\u00e4nen liefen \u00fcber ihre Wangen. Ihre Lungen schmerzten, als h\u00e4tte sie S\u00e4ure geatmet. Ihr Hals f\u00fchlte sich trocken an, schlucken konnte sie nicht mehr richtig. Sie sp\u00fcrte jede Sch\u00fcrfwunde und jeden blauen Fleck an ihrem K\u00f6rper. Schwach erinnerte sie sich, w\u00e4hrend ihrer blinden Flucht unz\u00e4hlige Male gest\u00fcrzt zu sein. Bei irgendeiner Gelegenheit hatte sie sich den Fu\u00df verdreht und konnte nun nur noch leicht auftreten.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Sie hatte sich vollkommen verlaufen. Camilla wusste, dass sie etliche Male abgebogen, Treppen hinuntergest\u00fcrzt und auf Stegen oberhalb der Abwasserkan\u00e4le entlanggelaufen war. Den Weg zur\u00fcck w\u00fcrde sie niemals finden. Vermutlich war sie Kilometer von der Klinik entfernt \u2013 oder, was schlimmer war \u2013 im Kreis gelaufen.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Nach einigen Minuten, die sie brauchte, um sich etwas zu fangen, richtete sie sich auf. Erneut schaltete sie das Mobiltelefon ein. Auf dem Display las sie die Uhrzeit ab. Es war bereits halb zehn Uhr morgens. Dar\u00fcber nachzudenken, wie viele Stunden sie sinnlos herumgeirrt war, war entmutigend. Wenn sie nur bei Wei\u00dfhaupt gewartet h\u00e4tte, nicht weggelaufen und bei Frau Wallraf geblieben w\u00e4re, h\u00e4tte sie so viel mehr ausrichten k\u00f6nnen. Ihre immer wieder aufkeimende Panik begann sich in brennende Wut zu wandeln. In ihrem Magen sammelte sich Hitze und begann hoch zu kochen. Camilla trat gegen die Wand, so dass Dreck herab rieselte. Warum hatte sie sich so von ihren Gef\u00fchlen treiben lassen? Die Konsequenz aus ihrer Hysterie konnte sie sich bildlich vorstellen: Wei\u00dfhaupt suchte nun nicht mehr ein M\u00e4dchen, sondern zwei. Sicher hatte der Kommissar seinen Morgen anders verplant. Camilla wollte sich gar nicht vorstellen, welch massiver Polizeiaufwand hierbei betrieben wurde und passierte, wenn ihre Eltern davon erfuhren. Selbst ihr gutm\u00fctiger Vater brachte daf\u00fcr sicher keinen Humor auf. Eigentlich gab es f\u00fcr Camilla nur noch eine Bedrohung \u2013 sich vollkommen verirrt zu haben. Sobald sie an der Oberfl\u00e4che war, musste sie mit dem Kommissar telefonieren und sich mit ihm offen und ehrlich unterhalten. Wahrscheinlich lachte er sie aus, aber wenn ihm wenigstens Teile ihrer Aussage halfen Theresa zu finden, war das schon mehr, als sie hier unten erreicht hatte. Camilla straffte sich und schaltete erneut die Taschenlampe ein. Boden und W\u00e4nde bestanden aus nacktem Beton, anders als zuvor. Sie erinnerte sich an gemauerte Tunnel. Also war sie nicht im Kreis gelaufen, sondern an einen anderen Ort gelangt. Nerv\u00f6se Neugier erwachte. Sie leuchtete nach unten. Ein d\u00fcnnes Rinnsal floss dicht neben ihr entlang. In einiger Entfernung tropfte Wasser herab, das Ger\u00e4usch hallte mehrfach gebrochen nach. In der Luft tanzte Staub. Irgendwo vor ihr schien sich der Gang zu \u00f6ffnen. Sie humpelte etwas schneller und schaltete das Licht aus, bis sich ihr leises Keuchen in weitem Raum verlor. Kurz leuchtete sie in die Halle. Hier war alles viel gr\u00f6\u00dfer und h\u00f6her. Der Akku gab einen Warnton von sich. Warum ausgerechnet jetzt? Camilla st\u00f6hnte leise, beendete aber die App.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Vor irgendwoher wehte k\u00fchle Luft den s\u00fc\u00dflich fauligen Gestank eines toten Tieres heran. Camilla erschauerte. Dieser Ort atmete vollkommene Leblosigkeit aus.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Vorsichtig humpelte sie weiter. Der Wiederhall ihrer Schritte begannen ihr Angst zu machen. In dieser Weite konnte sich alles M\u00f6gliche verbergen. Wenn es nicht Grimm und sein unheimlicher Begleiter waren, so vielleicht der Sandmann \u2026<\/em><\/p>\r\n<p><em>Schaudernd sch\u00fcttelte sie den Gedanken ab.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Immer wieder h\u00f6rte sie leises Rascheln von feinen Klauen auf dem Beton: die allgegenw\u00e4rtigen M\u00e4use und Ratten.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Die Echos ver\u00e4nderten sich, sie klangen dumpfer und hohler.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camilla blieb stehen und leuchtete um sich. Im gleichen Moment zuckte sie zusammen und stolperte einen Schritt zur\u00fcck. Vor ihr g\u00e4hnte ein quadratisches Loch im Boden. Gegen\u00fcber erkannte sie Stufen, die hinab f\u00fchrten. Wer immer diesen Tunnel gebaut hatte, musste die Arbeiten eingestellt haben. Alles wirkte unfertig.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camilla umging das Loch und sah sich um, solang der Akku noch mitspielte. S\u00e4ulen st\u00fctzten die Betondecke und der Gang \u00f6ffnete sich in eine Halle. Anhand der Gr\u00e4ben folgerte sie, dass das wohl irgendwann eine U-Bahn-Station werden sollte. Als sie n\u00e4her an die Kante trat, sah sie allerdings keine Schienenstr\u00e4nge.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Das Gef\u00fchl von Einsamkeit und Leere wuchs.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Hier musste es doch einen Aufgang geben. Camilla dr\u00e4ngte ihre Furcht zur\u00fcck und ging langsam den Bahnsteig entlang. Sie sp\u00e4hte hinter alle S\u00e4ulen und in jeden Alkoven.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Der Akku leerte sich bedenklich. Sie wollte nicht daran denken, dass sie bald v\u00f6llig blind weitergehen musste, wenn kein Wunder geschah.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Pl\u00f6tzlich kroch ihr der Geruch nach Blut in die Nase. Ihr Atem stockte. Beinah glaubte sie, sich \u00fcbergeben zu m\u00fcssen. So schnell sie mit ihrem verletzten Fu\u00df konnte, schritt sie aus, einem k\u00fchlen Luftzug entgegen. Vielleicht war sie gleich in Freiheit.<\/em><\/p>\r\n<p><em>In einiger Entfernung gewahrte sie einen Lichtschimmer und einen Durchgang, aus dem Papierfetzen in die Halle getrieben wurden. Ein Pappbecher rollte hin und her. Endlich hatte sie einen Ausgang erreicht! Sonnenschein malte bewegte Muster auf den zugem\u00fcllten Boden. Camilla rannte los. Ihr Fu\u00dfgelenk schmerzte h\u00f6llisch, aber sie ignorierte es.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Als sie in den Schacht stolperte und nach oben sah, schlug Entt\u00e4uschung wie eine Woge \u00fcber ihr zusammen. Die Sonne stand hoch am Himmel. Camilla h\u00f6rte Motorenger\u00e4usche. Ein paar V\u00f6gel kreisten \u00fcber der \u00d6ffnung, aber all das schien mindestens 10 Meter entfernt und den nackten Beton konnte sie nicht erklimmen. Sie knirschte mit den Z\u00e4hnen und sackte mit dem R\u00fccken gegen die Schachtwand. Zeitungspapier raschelte, wehte auf und enth\u00fcllte dicht neben ihr einen nackten Fu\u00df. Camilla fuhr zusammen und rang nach Atem. Der Blutgeruch \u2026 War jemand abgest\u00fcrzt?<\/em><\/p>\r\n<p><em>Sie zitterte, als sie in die Hocke ging. Ihr Fu\u00df schmerzte unter der Belastung. Mit einer Hand st\u00fctzte sie sich ab, w\u00e4hrend sie in der anderen ihr Handy umklammerte. Wiederwillig kroch sie n\u00e4her. \u00dcber dem K\u00f6rper lag grauer, mit Farbflecken und M\u00f6rtel verschmutzter Bauvlies. Zufall?, dachte sie. Sicher nicht. Auf Camillas Armen bildete sich G\u00e4nsehaut. Eigentlich wollte sie nicht sehen, was unter der Decke lag. Sie presste die Lippen aufeinander. Mit einem Ruck zog sie daran. Den grauenhaft entstellten, nackten K\u00f6rper erkannte sie augenblicklich: Theresa! Camilla krallte die N\u00e4gel in das Vlies.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Jemand hatte ihren Brustkorb aufgerissen. Rund um die furchtbare Wunde war die bleiche Haut von Dreck, Sch\u00fcrfwunden und trocknendem Blut verkrustet. Einer ihrer schlanken Arme stach in seltsamem Winkel vom K\u00f6rper ab, w\u00e4hrend der andere das Gesicht wie zum Schutz bedeckte. Camilla w\u00fcrgte.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Um ihre Brust zogen sich Stahlringe zusammen. Der Mensch, den sie am meisten auf der Welt liebte, den sie retten und besch\u00fctzen wollte, war tot. Camillas Atem beschleunigte sich. Tr\u00e4nen schossen in ihre Augen, begleitet von scharfen Stichen in den Nebenh\u00f6hlen. Ihre Kehle f\u00fchlte sich an wie zugeschn\u00fcrt. Der Boden schien unter ihr aufzurei\u00dfen. Kalte Hoffnungslosigkeit mischte sich mit gl\u00fchendem Schmerz. Die Leere, die in ihr lauerte, begann einen dunklen Sog zu entwickeln.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Warum verdammt, waren sie nur hierhergekommen? Theresas Tod war ihre Schuld!<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camilla presste zwei Finger gegen die Nasenwurzel. Es war keinem geholfen, wenn sie den Gedanken zulie\u00df und sich darin verlor. Aus Verzweiflung gab es keinen Ausweg. Theresa war umgebracht worden. Camilla stemmte sich hoch. Vielleicht konnte sie von hier die Polizei rufen. Der Akku gab Signale, dass er fast leer war und das Display zeigte an, dass sie immer noch keinen Empfang hatte.<\/em><\/p>\r\n<p><em>In Camilla schlug der Schmerz zu hilfloser Wut um. Heftig trat sie gegen die Wand.<\/em><\/p>\r\n<p><em>\u201eHey!\u201c, br\u00fcllte sie hinauf. \u201eH\u00f6rt mich jemand?!\u201c Ihre Stimme \u00fcberschlug sich und brach. Die Trockenheit in ihrem Mund machte es ihr schwer. Dennoch legte sie den Kopf in den Nacken. \u201eIch brauche Hilfe!\u201c Die Worte klangen laut, fremd, rau, brachen im Schacht und verwehten unter dem Verkehrsl\u00e4rm zur Unkenntlichkeit. \u201eHey!\u201c In ihrer Kehle brannte es. Der Schrei zerbrach in heiseres Kr\u00e4chzen. \u201eH\u00f6rt mich denn keiner? HILFE!\u201c<\/em><\/p>\r\n<p><em>Jede Antwort blieb aus. Der Verkehr verlangsamte sich nicht, blieb nicht stehen. Wie konnte angesichts eines Todes nicht die ganze Welt verharren, lauschen und reagieren?<\/em><\/p>\r\n<p><em>Camilla wartete, starrte, bis ihr Nacken weh tat und die Tr\u00e4nen ihre Sicht endg\u00fcltig verschleierten. Sie sank auf die Knie, strich \u00fcber Theresas Arm und ihr blutverkrustetes Haar. Sie weinte, bis sie kein bisschen Feuchtigkeit mehr aus ihren Augen rann und ihre aufgerissenen Wunden bet\u00e4ubt erschienen. Tr\u00e4ge blinzelte sie und schob Theresas Arm von ihrem Gesicht.<\/em><\/p>\r\n<p><em>Der Anblick war kaum weniger entsetzlich als der aufgerissene Brustkorb. Schreiend sprang sie auf. Beim Zur\u00fccktaumeln verfolgten die leeren Augenh\u00f6hlen sie und das zerschnittene Gesicht, in dem kurze, blonde Str\u00e4hnen klebten.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sich in den letzten Monaten gezeigt hat, zieht das eBook-Cover zu Glasseelen so gut wie gar nicht. 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