{"id":1053,"date":"2017-12-24T13:47:47","date_gmt":"2017-12-24T13:47:47","guid":{"rendered":"https:\/\/lysander1330.wordpress.com\/?p=1053"},"modified":"2018-04-13T17:30:10","modified_gmt":"2018-04-13T17:30:10","slug":"weihnachtsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schattengrenzen.de\/?p=1053","title":{"rendered":"Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Hallo ihr Lieben,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">hier wieder eine kleine Weihnachtsgeschichte f\u00fcr euch. Habt viel Spa\u00df damit.<br \/>\n***<\/p>\n<p><strong>Spuren im Schnee<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die eisige Nachtluft trug den dumpfen L\u00e4rm des Weihnachtsmarktes heran, noch bevor sie durch das Tor in die engen Gassen der Marktst\u00e4nde traten. Schrilles Lachen und Gespr\u00e4chsfetzen rissen in dem immer wieder aufkommenden, scharfen Wind von den Lippen der Menschen.<br \/>\nHunderte dr\u00e4ngten sich durch die Stra\u00dfen der Innenstadt zum Marktplatz hinab. Einige gemeinsam mit ihren Familien, andere allein. Schwere Parfumwolken hingen wie feuchtwarmer Atem zwischen den W\u00e4nden der H\u00e4user. Ein schwach sauerer Geruch nach Gl\u00fchwein mischte sich in den Duft von S\u00fc\u00dfigkeiten und Bratwurst. \u00dcber ihren K\u00f6pfen schwebten Schneeflocken herab und setzten sich in Haare und Stoff, um von kleine Kristalle zu unansehnlichen Tropfen zu schmelzen.<br \/>\nModriger Geruch stieg aus alten Wollstoffen auf.<br \/>\nPhilippe gefielen die strengen Ger\u00fcche nicht besonders. Er empfand besonders das Eau de Toilette einzelner Frauen als unertr\u00e4glich, wenn es sich langsam mit Schwei\u00df, Alkohol und dem schmelzenden Schnee mischte und zu etwas widerlich Klebrigen in der Nachtluft wurde.<br \/>\nDie gesamte Situation kam ihm vor wie ein Alptraum. Dieses k\u00fcnstlich fr\u00f6hliche Weihnachtsfest stand in keiner Verbindung mehr zu dem, was er aus seiner Kindheit kannte.<br \/>\nUmso mehr schien es Kr\u00fcmel zuzusagen. Der junge Mann ging dicht an seiner Seite, sodass sich ihre Arme immer wieder ber\u00fchrten.<br \/>\nPhilippe sah in dem friedvollen Gesicht seines Partners unbeschreibliches Gl\u00fcck \u00fcber die momentane Situation. Er genoss das Gedr\u00e4nge der Vorweihnachtstage, die dumpfe Hitze in all der winterlichen K\u00e4lte und die wilde, erregende Hektik der Menschen.<br \/>\nDas Leben des jungen Mannes hatte ihm in den Jahren zuvor wenig Gutes geboten; schon gar keine Freuden wie diese. Kr\u00fcmel sah die Welt deswegen eher mit den Augen eines Kindes. Er filterte ganz selbstverst\u00e4ndlich alles K\u00fcnstliche und Aufgesetzte aus. So blieben von Plastikfiguren mit LED-Beleuchtung, Weihnachtsb\u00e4umen, geschm\u00fcckt mit flirrendem Unsinn und bedr\u00e4ngender Enge zwischen hektischen Menschen nur die warmen Gef\u00fchle und der Duft nach den kommenden Festtagen.<br \/>\nDas elektrische Weihnachten bemerkte Kr\u00fcmel nicht.<br \/>\nVermutlich nahm er auch nichts von der unheimlichen K\u00e4lte zwischen den St\u00e4nden des Weihnachtsmarktes wahr, und den tiefen Schatten, in denen sich Dinge verbargen, die alle Besucher in diesen Tagen verdr\u00e4ngten. Sorglosigkeit nach Kalendarium, dachte Philippe bitter.<br \/>\nTrotzdem erinnerte er sich seiner eigenen Kindheit.<\/p>\n<p>Kr\u00fcmel vergrub seine H\u00e4nde in den Taschen seiner Jacke und barg sein Gesicht bis zur Nase in dem grellgr\u00fcnen Pali, w\u00e4hrend er sich versonnen an Philippe lehnte. Scheinbar fror er. Philippe konnte es nachvollziehen. Die bittere K\u00e4lte grub sich auch unter seinen dichten, schwarzen Wollmantel. Er suchte selbst die W\u00e4rme seines Freundes. Mit einem Arm umschlang er die Schultern Kr\u00fcmels und zog ihn eng an sich. Der junge Punk hob l\u00e4chelnd den Kopf und blinzelte Philippe zu. Er ging sehr frei mit seinen Gef\u00fchlen und seiner Homosexualit\u00e4t um. Philippe sah seinerseits auch keinen Hinderungsgrund, nicht ebenso offen zu reagieren. Ihm war es nicht unangenehm. Jeder konnte sehen, dass sich zwei M\u00e4nner ineinander verliebt hatten. Gerade diese W\u00e4rme war es, die f\u00fcr ihn in diesem Jahr die Weihnachtszeit zu etwas besonderem erhob; Kr\u00fcmels liebevolle Dankbarkeit.<br \/>\nDeshalb gab Philippe sich alle M\u00fche, Kr\u00fcmels kindliche Tr\u00e4ume zu erf\u00fcllen und ihm die Art Weihnachten zu gew\u00e4hren, die er aus seiner eigenen weit entfernten Kindheit kannte.<br \/>\nDer junge Mann ging mit geschlossenen Augen dicht an ihn gedr\u00e4ngt. Kr\u00fcmel genoss ganz offen den Moment mit der gleichen Lust nach Leben, wie er wenige Stunden zuvor Philippes Gegenwart und seine hei\u00dfe Haut genossen hatte. Mit unwiderstehlicher Gier trank er das brodelnde Leben um sich, atmete sehns\u00fcchtig die verschiedenen Ger\u00fcche ein und verschmolz sie hinter seinen geschlossenen Lidern zu etwas eigenem, was er unausl\u00f6schlich f\u00fcr immer in sich tragen w\u00fcrde.<br \/>\nPhilippe verstand die Sehnsucht nach Leben und Gl\u00fcck nur zu gut, konnte sie nachempfinden, aber sie ber\u00fchrte schon lange nicht mehr sein Herz. Dazu brauchte er Kr\u00fcmel, der f\u00fcr ihn diese kindliche Erregung ausleben konnte. Er beobachtete Kr\u00fcmels blasses, h\u00fcbsches Knabengesicht, die nerv\u00f6s flatternden Lider, die ihn an ihren ersten Kuss erinnerte, seine rot gefrorene Nasenspitze und das L\u00e4cheln auf seinen vollen Lippen. Vorsichtig strich Philippe ihm mit den Fingern \u00fcber die Wange bis zu seiner Schl\u00e4fe und den stacheligen, bunten Haaren, die Kr\u00fcmel in Spikes abstanden.<br \/>\nEin tiefes, z\u00e4rtliches Gef\u00fchl ergriff Philipps Seele und w\u00e4rmte ihn. Der schwache Hauch dessen, was Kr\u00fcmel wohl empfand, streifte sein Herz. Er verga\u00df kurzzeitig, dass ihn all die Menschen st\u00f6rten und er den Weihnachtsgedanken schon lange verloren hatte. In dem friedlichen Gesicht fand er all das, was ihn in der K\u00e4lte zu w\u00e4rmen vermochte. Gl\u00fcck und Liebe.<br \/>\nLangsam hob Kr\u00fcmel die Lider. Er strahlte Philippe an, bevor dieser seinen Aufmerksamkeit von ihm abwendete. Neugierig lie\u00df Kr\u00fcmel seine Blicke schweifen. Er wies \u00fcber die D\u00e4cher der St\u00e4nde und die Dampfwolken \u00a0hinweg zu dem m\u00e4chtigen Tannenbaum, der jenseits des Marktes vor dem Rathaus stand.<br \/>\n\u201eWie hoch der wohl ist?\u201c, fragte er leise.<br \/>\nPhilippe hob eine Braue. Er sch\u00e4tzte die Tanne ungef\u00e4hr an der H\u00f6he des Geb\u00e4udes.<br \/>\n\u201eSieben bis acht Meter denke ich\u201c, antwortete er ruhig.<br \/>\n\u201eF\u00fcr mich geht er direkt bis zu den Sternen\u201c, lachte Kr\u00fcmel. Philippe grinste. Vermutlich reichte der Baum in Kr\u00fcmels lebhafter Fantasie wirklich in den Himmel.<br \/>\nWie so oft reichte seine Aufmerksamkeit kaum lange genug aus, um sich an der Vorstellung l\u00e4nger aufzuhalten. Er deutete zu den goldenen Gebilden, die zwischen den Verkaufsst\u00e4nden aufragten und in die Nacht hinauf gl\u00fchten. Vermutlich sollten sie die Wiesbadener Lilien darstellen, oder tats\u00e4chlich Sternschnuppen. In Philippes Augen nahmen sie eher die Form verdrehter, vollbeleuchteter Sonnenschirme an. Kr\u00fcmel ma\u00df sie mit vertr\u00e4umten Blicken.<br \/>\n\u201eGoldene Bl\u00fcten\u201c, murmelte er versonnen. \u201eSie sehen aus, als w\u00e4ren sie vom Himmel gefallen und hier erstarrt.\u201c<br \/>\nPhilippe versuchte sich seine Worte bildlich vorzustellen. Allerdings deckte sich Kr\u00fcmels Vorstellung in keinem Fall mit der Realit\u00e4t, zumal unter dem festgetretenen Schnee und den Kabelschienen die Lebensadern der Bl\u00fcten schlummerten und die Stadt sicher ein Verm\u00f6gen kosteten. Dennoch tauchten die Sternschnuppen den gesamten Platz in weiches, vorweihnachtlich-heiliges Licht. Die Gef\u00fchle erhoben sich angesichts der Szenerie.<br \/>\nKr\u00fcmel l\u00f6ste sich von ihm. Dort, wo er sich eben noch angelehnt hatte, blieb eine kalte Stelle zur\u00fcck. Der junge Mann schob sich an ein paar anderen Jugendlichen in seinem Alter vor\u00fcber, um vor dem Marktkeller des alten Rathauses an einem Maronenstand stehen zu bleiben. Einige M\u00e4dchen und ein paar \u00e4ltere Herrschaften warteten bereits in einer Schlange, die st\u00e4ndig wieder von anderen Marktbesuchern zerrissen wurde. Der Verk\u00e4ufer stand in Sch\u00fcrze, M\u00fctze und dicker Jacke \u00fcber den Rost geneigt, das breite Mondgesicht unrasiert und rot von dem Wechsel zwischen Hitze und K\u00e4lte. Er f\u00fcllte gerade neue Papiert\u00fcten, um sie in einem Gitter aufzustellen. Nachdem er einigen M\u00e4dchen f\u00fcr eine gro\u00dfe T\u00fcte f\u00fcnf Euro abgenommen hatte, neigte sich hinunter und hob einen Sack mit unger\u00f6steten Maronen an. Die kleinen, dunkelbraunen Fr\u00fcchte rollten aus dem Jutebeutel und sprangen \u00fcber die Metallstreben des Rostes. Flammen knackten. Funken stiegen auf und legten sich still nieder.<br \/>\nPhilippe betrachtete stumm das Bild seiner eigenen Kindheit. F\u00fcr einen Moment sah er sich selbst als Jungen in der Schlange stehen, die Augen gro\u00df, die Wangen kalt und das Herz von Vorfreude bis zum Platzen gef\u00fcllt. Er roch den intensiven Duft der Maronen und den Schwei\u00df des Mannes am Stand. Obwohl er keine Handschuhe trug, f\u00fchlte er die grobe, raue Wolle farblos grauer F\u00e4ustlinge und den dicken Wollschal, den ihm seine Stiefmutter umgelegt und unter dem Kinn verknotet hatte. Er konnte sich kaum vern\u00fcnftig in den dicken Sachen bewegen, schwitzte sogar ein wenig, obwohl seine Haut eisig war und seine F\u00fc\u00dfe in den Stiefeln sch\u00f6n l\u00e4ngst erfroren waren. Seine Zehen nahm er wie etwas fremdes, h\u00f6lzernes wahr, was nicht zu ihm geh\u00f6rte. Verwirrt sah er auf und \u00fcber die Schulter. Automatisch erwartete er, seinen Vater und seine Stiefmutter zu sehen. Aber hinter ihm str\u00f6mten nur weitere Marktbesucher heran und blieben an den ersten Geb\u00e4ck- und Weinst\u00e4nden h\u00e4ngen.<br \/>\nAls sein Blick zur\u00fcck schwang, streifte er das gro\u00dfe, altert\u00fcmliche Karussell, aus dem neunzehnten Jahrhundert; seiner Kinderzeit. Mit den bunt bemalten Figuren und Wagen und den zwei Etagen verblassender Erinnerungen regte sich das Gef\u00fchl von etwas lauerndem, b\u00f6sem, dem er vor so langen Jahren den R\u00fccken gekehrt hatte.<br \/>\nRasch drehte er sich ab.<br \/>\n\u201eMagst du eine?\u201c, fragte Kr\u00fcmel.<br \/>\nPhilippe \u2013j\u00e4h aus seinen Erinnerungen gerissen &#8211; erschrak. Aus einem Reflex heraus sch\u00fcttelte er den Kopf.<br \/>\nEntt\u00e4uscht betrachtete Kr\u00fcmel ihn. Der Blick l\u00f6ste Schuldgef\u00fchle in Philippe aus.<br \/>\n\u201eSorry, sp\u00e4ter, mein Kleiner\u201c, entschuldigte er sich.<br \/>\nKr\u00fcmel hob misstrauisch eine Braue. Seine Piercings zuckten zwischen den feinen blonden H\u00e4rchen.<br \/>\n\u201eDann bekommst du die kleinen Handgranaten doch gar nicht mehr auf\u201c, entgegnete er, w\u00e4hrend er sich eine dampfende Marone zwischen die Lippen schob und sie mit halb offenem Mund, nach kalter Luft ringend, kaute.<br \/>\nScheinbar hatte er sich mit der Hitze seiner kleinen Spezereien versch\u00e4tzte. Mit einer Hand f\u00e4chelte er sich Luft zu.<br \/>\n\u201eHei\u00df, verdammt!\u201c, keuchte er.<br \/>\nPhilippe grinste. \u201eSo ging es mir auch oft, als ich klein war.\u201c<br \/>\nKr\u00fcmel verzog fr\u00f6hlich die Lippen. \u201eDann hast du dir sicher mal so den Mund verbrannt, dass du die Dinger jetzt nicht mehr magst, oder?\u201c, fragte er.<br \/>\n\u201eNicht ganz\u201c, l\u00e4chelte Philippe. \u201eDamals habe ich mich schlicht an den Dingern \u00fcbergessen.\u201c<br \/>\nKr\u00fcmel stopfte sich die T\u00fcte in die Tasche seiner gef\u00fctterten Lederjacke und fischte eine Marone heraus, die er erst ein wenig in den Fingern knetete, bevor er die Schale aufbrach.<br \/>\n\u201eVermutlich haben die Verk\u00e4ufer dir immer mehr gegeben\u201c, mutma\u00dfte er.<br \/>\n\u201eRichtig\u201c, entgegnete Philippe \u00fcberrascht. \u201eWoher \u2026\u201c<br \/>\n\u201eDu siehst aus wie ein Engel, mit deinem ebenm\u00e4\u00dfig sch\u00f6nen Gesicht und den langen goldblonden Locken\u201c, unterbrach Kr\u00fcmel ihn. \u201eDamals als du noch ein Kind warst, wann immer das auch war, musst du ausgesehen haben, wie ein Weihnachtsengel.\u201c<br \/>\nSp\u00f6ttisch hob Philippe die Brauen. Weihnachtsengel \u2026! Kr\u00fcmel war der einzige Punk mit Hang zu romantischem Kitsch.<br \/>\n\u201eDeine Logik will ich auch mal haben\u201c, grinste Philippe.<br \/>\nKr\u00fcmel zuckte beleidigt mit den Schultern, bevor er sich die n\u00e4chste Marone in den Mund schob und wesentlich vorsichtiger darauf herum kaute.<br \/>\nNach einigen Sekunden antwortete er: \u201eWann war das eigentlich?\u201c<br \/>\n\u201eWas?\u201c, fragte Philippe.<br \/>\n\u201eDeine Kinderzeit\u201c, erkl\u00e4rte Kr\u00fcmel neugierig, w\u00e4hrend er sich wieder bei Philippe einhakte und ihn in die Masse zur\u00fcck dr\u00e4ngte, die sich langsam zu dem Hauptportal des Rathauses schob.<br \/>\nVor den Treppen stand eine B\u00fchne. Zurzeit wechselte die Band. Ein Chor richtete sich gerade mit Notenst\u00e4ndern ein und die begleitenden Orchestermusiker stimmten bereits ihre Instrumente, die durch die bittere K\u00e4lte ein wenig atonal klangen.<br \/>\nPhilippe erinnerte es an den Tag vor einhundertzw\u00f6lf Jahren. Er schauerte ein wenig. Damals spielte ebenfalls ein Orchester am Vorweihnachtsabend. Dasselbe Karussell drehte sich. Es roch nach Maronen und nasser Wolle; und in dieser Nacht entkam er seinem sicheren Ende nur mit knapper Not.<br \/>\nSeine Lippen zitterten. Er konnte Kr\u00fcmel auf seine Frage nicht antworten; nicht im Moment.<br \/>\nDie K\u00e4lte, die ihn ergriff, war das Entsetzen eines Knaben, der in einer damals fremden Stadt ein ungenanntes Opfer werden sollte und den Gedanken \u00fcber mehr als hundert Jahre unter anderen schrecklichen Erlebnissen verdr\u00e4ngt hatte.<br \/>\nNun kam das Grauen jener Nacht mit unglaublicher Gewalt zur\u00fcck.<br \/>\nJemand stie\u00df unsanft gegen ihn und fluchte.<br \/>\n\u201eKannst du nicht weiter gehen, Wichser?!\u201c, zischte ein junger Mann und trat Philippe mit Absicht massiv in die Fersen.<br \/>\nEr bemerkte es zwar, ignorierte das Gef\u00fchl dennoch. K\u00f6rperlicher Schmerz konnte ihm wenig bis gar nichts anhaben.<br \/>\nKr\u00fcmel zog ihn von dem Weg fort, in die Ruhe zwischen der Krippe und einen Schmuck- und Perlenstand, am Fu\u00df der Rathaustreppe.<br \/>\n\u201eWas hast du, Philippe?\u201c, fragte er besorgt und tastete mit seinen kr\u00fcmeligen Maronenfingern \u00fcber Philippes Wange.<br \/>\n\u201eIch war 1898 das erste Mal hier, heute vor einhundertzw\u00f6lf Jahren\u201c, antwortete er leise. Seine Kr\u00e4fte schienen mit jedem Wort aus ihm heraus zu flie\u00dfen.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df, dass du im neuzehnten Jahrhundert geboren wurdest\u201c, antwortete Kr\u00fcmel. \u201eAber dass du schon einmal vor dem Jahr 1911 hier warst, wusste ich nicht.\u201c<br \/>\nSeine Stimme zitterte vor neugieriger Erregung. Er liebte es, Geheimnisse und Erinnerungen seines unheimlichen Geliebten St\u00fcck um St\u00fcck aufzudecken. Normalerweise lie\u00df Philippe das auch durchaus zu, weil er auf diesem Weg einige sch\u00f6ne Momente noch einmal erleben und genie\u00dfen konnte. Doch diese Fetzen anderer Tage hielt er nicht vollkommen ohne Grund so tief in sich verborgen, dass er sich selbst nicht mehr zuf\u00e4llig daran erinnern konnte.<br \/>\n\u201eDas ist nicht gut, Kr\u00fcmel. Die Erinnerungen daran sollten nie wieder geweckt werden.\u201c<br \/>\nDie hellen Augen des Punks fixierte Philippes. \u201eWenn es etwas Schlimmes ist, sollte es umso mehr ausgesprochen werden, damit es dich los l\u00e4sst\u201c, sagte er mit Nachdruck.<br \/>\nDie Weisheit in den Worten des jungen Mannes konnte Philippe nicht von sich schieben.<br \/>\nNachdenklich rieb er sich die Nasenwurzel \u2026<br \/>\nEine Bewegung in seinem Augenwinkel erregte seine Aufmerksamkeit. Unwillk\u00fcrlich wendete er seinen Blick zu einem Kind, das zwischen Tannenbaum und der R\u00fcckwand der Krippe auf den Stufen stand und zu Philippe hinauf sah.<br \/>\nEs war ein kleines M\u00e4dchen in einem leuchtend roten Wollmantel. Ihre blonden Haare hingen in gelockten Str\u00e4hnen auf ihren schmalen Schultern. Eine breite, wei\u00dfe Schleife erschlug das zierliche Gesichtchen. Das Kind trug Kleidung, wie er sie aus der Zeit zwischen 1910 und 1940 von Kindern kannte. Ihre F\u00fc\u00dfchen steckten in klobigen Lederstiefeln und unter dem Mantel und dem R\u00fcschensaum eines Kleides verschwanden dicke, h\u00e4sslich graue Wollstr\u00fcmpfchen. Aber nicht das allein zeichnete sie als Spuk der Vergangenheit aus. Ihre Augen lagen tief in den H\u00f6hlen und gl\u00fchten wie Kohlest\u00fccke.<br \/>\nIn der Sekunde drangen die Laute des Orchesters durch die d\u00fcnnen Stoffplanen der B\u00fchnenbespannung und erf\u00fcllte die Luft mit den Anfangsakkorden von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohrs \u201eStille Nacht\u201c die Luft.<br \/>\nEtwas in der Musik klang falsch. In den T\u00f6nen lag ein fremder, metallener Laut, als w\u00fcrde die Melodie aus einer anderen Zeit her\u00fcber wehen.<br \/>\nMit dem Einsetzen des Chors kehrte auch die Verbildlichung der Vergangenheit zur\u00fcck.<br \/>\nPhilippe kniff fest die Lider zusammen. Er biss die Z\u00e4hne fest aufeinander und wehrte die Attacke seiner eigenen Erinnerungen ab, die die Grenzen seiner Realit\u00e4t zu verwischen drohten.<br \/>\nKr\u00fcmel fuhr pl\u00f6tzlich zusammen. Erschrocken \u00f6ffnete Philippe die Augen. An der angespannten, entsetzten Mimik seines Freundes erkannte er, dass Kr\u00fcmel das M\u00e4dchen auch als Gesch\u00f6pf des Totenreiches sah. Philippe ergriff ihn am Arm und wollte wieder mit Kr\u00fcmel in den Strom der lebendigen Menschenmassen eintauchen. Das Kind allerdings h\u00fcpfte die Treppenstufen hinab und rannten los; mitten durch Kr\u00fcmel und Philippe hindurch!<br \/>\nF\u00fcr einen Moment f\u00fchlte es sich an, als erstarre seine Seele und gefr\u00f6re in der Zeitlosigkeit der Toten! Philippe bemerkte, dass zwischen seinen Herzschl\u00e4gen eine lange Zeit des Ausharrens lag. Am Rande dieser Erkenntnis bemerkte er das unheimliche, eisige Gef\u00fchl, belauert zu werden.<br \/>\nW\u00e4hrend der Eishauch des Geisterkindes langsam verflog, blieb in Philippe Schw\u00e4rze zur\u00fcck, die b\u00f6se Vorahnung sich dem zu stellen, das ihn schon einmal hetzte.<br \/>\nIn dem Moment l\u00f6ste sich Kr\u00fcmel von ihm.<br \/>\n\u201eWas ist?\u201c, fragte Philippe alarmiert.<br \/>\n\u201eIch habe eben einen Jungen gesehen!\u201c, rief Kr\u00fcmel aufgeregt. W\u00e4hrend er sich weiter hinaus schob, deutete er zu einer Person, die ihnen den R\u00fccken zugewandt hielt.<br \/>\nPhilippe folgte ihm. Er konnte selbst noch f\u00fcr einen Herzschlag das hellblonde Lockenhaar und den altmodischen Mantel eines Jungen erkennen, der mit der Menge davon getragen wurde. Erst jetzt realisierte er, dass die Masse Mensch sich ein wenig ausged\u00fcnnt hatte. Sie schoben sich nicht mehr wie eine tr\u00e4ge Schlange durch die Gassen. Ebenso ver\u00e4nderten sich die Leuchtreklamen der St\u00e4nde, das aufdringlich lackierte Metall der H\u00e4ndlerwagen und die penetranten Ger\u00fcche wichen klarer K\u00e4lte und kleinen, gedrungener Buden aus Holz und Glas.<br \/>\nDer Schneefall verdichtete sich. Die Laute der Menschen verklangen in dumpfem Vergessen. Nur die Musik und der schleichende Wandel der Zeiten r\u00fcckten in den Fokus Philippes. Er konnte sich nicht gegen den Sog der Vergangenheit wehren. Einzig Kr\u00fcmels Hand, die die seine umklammerte, sagte ihm, dass er nicht in das neunzehnte Jahrhundert fortgerissen wurde.<br \/>\nDie Wirklichkeit festigte sich erst wieder, als der Schneefall ein wenig nachlie\u00df. Philippe bemerkte sofort die Ver\u00e4nderungen. Die Sternschnuppen aus Draht und LED-Leuchten gab es nicht mehr. Zwischen den Laternen und St\u00e4nden spannten sich B\u00e4nder mit Tannenzweigen. Hinter den Scheiben den Buden brannten kleine Petroleum- oder Gasl\u00e4mpchen und in den Auslagen fanden sich Holz- und Blechspielzeuge, Wollwaren, Tuche, Pelze, Geschirr und Glas.<br \/>\nDer Duft nach Tee und Wein lag w\u00fcrzig in der Luft und ein H\u00e4ndler mit Bauchladen bot Karamellen und Kr\u00e4uterbonbons an.<br \/>\nKinder umringten ihn. Er gab ihnen in kleinen Papiert\u00fcten abgepackte S\u00fc\u00dfigkeiten aus und sammelte daf\u00fcr M\u00fcnzen ein.<br \/>\nEs dauerte einige Sekunden, bis die M\u00e4dchen und Jungen zufrieden davon liefen.<br \/>\nPhilippe folgte ihnen mit seinen Blicken. Sie waren so real und stofflich, w\u00e4hrend sie an den H\u00e4nden von Erwachsenen gingen, die nichts als der Schatten einer lang vergangen Zeit waren. Philippe erkannte von einigen nur vage Umrisse, von anderen, die sich vielleicht etwas von ihrer kindhaften Natur bewahrt hatten, grobe, unscharfe Gesichtsz\u00fcge. Sie alle trugen die Mode der wilhelminischen Epoche. Sein Herz zog sich zusammen, als er ein Paar an sich vor\u00fcberschreiten sah, dass nach franz\u00f6sischer Mode gekleidet war. Er glaubte sogar das zimtene Parfum seiner Stiefmutter wahr zu nehmen und den herben Duft nach marokkanischem Tabak, den sein Vater einst so gerne rauchte, bis er starb.<br \/>\n\u201eWas \u2026\u201c, begann Kr\u00fcmel und wendete sich Philippe zu. \u201eWir sind in der Vergangenheit!\u201c<br \/>\nPhilippe senkte die Lider und nickte.<br \/>\nEr musste nicht zu den viel lebendigeren Kindern sehen, um zu wissen, dass auch sie nur ein Hauch einer anderen Welt waren \u2013 dem Reich der Toten \u2013 die diesen Ort nie verlassen konnten.<br \/>\n\u201eDas ist doch vollkommen unm\u00f6glich!\u201c, fl\u00fcsterte Kr\u00fcmel. In seiner Stimme schwang leise Panik mit.<br \/>\n\u201eEbenso unm\u00f6glich wie ich es bin; ein einhundertviertunzwanzig Jahre alter Mann\u201c, erwiderte Philippe.<br \/>\nKr\u00fcmel schwieg betroffen.<br \/>\nBehutsam legte Philippe seinen Arm um den jungen Mann und zog ihn an sich.<br \/>\n\u201eBeruhige dich. Wir finden einen Weg zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>Gemeinsam traten sie in den Strom der Schattenwesen hinaus. Die Laute des Marktes und der Gesang mischten sich wieder in ihre Welt. Selbst die Personen um sie herum nahmen an Stofflichkeit zu, ohne jedoch zu einem Teil der Realit\u00e4t zu werden, in der sich Philippe und Kr\u00fcmel befanden. F\u00fcr andere waren sie unsichtbar. Die Leute umgingen sie, ohne sie wahr zu nehmen.<br \/>\nDieser Winkel der Wirklichkeit schien &#8211; so definierte Philippe es zumindest f\u00fcr sich \u2013 zwischen den Zeiten zu schweben, zwischen einer und der anderen Sekunde. Vielleicht sahen die Menschen sie doch, aber nur als geisterhafte Schatten?<br \/>\nEr wagte es nicht, diesen Gedanken auszusprechen. Im Gegensatz zu seinen Worten wusste er nicht, wie er mit Kr\u00fcmel wieder zur\u00fcck kehren konnte. Vielleicht kam ihm eine Idee, wenn er mit seinem jungen Freund eine Weile \u00fcber den Markt ging, oder es ergab sich eine L\u00f6sung dergestalt, dass sich ihm sein damaliger J\u00e4ger offenbarte. Philippe erinnerte sich allerdings auch nicht mehr vollst\u00e4ndig an alles. Bilder von Blut und Eisen mischten sich in die Musik, die ihren Weg an diesen Ort begleitete.<br \/>\nWortlos schritt er mit Kr\u00fcmel im Arm voran. Der Punk zitterte und dr\u00e4ngte sich enger an Philippe.<br \/>\n\u201eEs ist unmenschlich kalt hier!\u201c, fl\u00fcsterte er. Seine Z\u00e4hne klapperten bei den Worten aufeinander.<br \/>\nPhilippe entging es nicht. Er glaubte fast, dass es an diesem Ort lag.<br \/>\nSch\u00fctzend schlang er seinen Arm fester um Kr\u00fcmel und presste ihn an sich, was das Laufen erschwerte. Es erschien ihm auch als kl\u00fcger. Kr\u00fcmel musste unter all den Erinnerungen an menschliches Leben wie ein glei\u00dfendes Leuchtfeuer strahlen. Vielleicht konnte er ihn mit seinem eigent\u00fcmlichen Nichtleben \u00fcberdecken und besch\u00fctzen.<br \/>\nAn dem seelenvollen jungen Mann lag ihm so unendlich viel. Er wollte ihn f\u00fcr immer bei sich behalten und ihn beh\u00fcten. Kr\u00fcmel besa\u00df die glei\u00dfend helle, unzerst\u00f6rbare Fr\u00f6hlichkeit eines Kindes, die Philippe vor so unendlich langen Jahren abhanden gekommen war. Allein daf\u00fcr liebte er den jungen Mann mehr als er es ertragen konnte. Er musste dieses Gesch\u00f6pf einfach bewahren und ihn f\u00fcr immer gl\u00fccklich wissen!<br \/>\nW\u00e4hrend sich Philippe in den Labyrinthen seiner Gef\u00fchle und Gedanken verirrte, schlich unaufhaltsam etwas Lauerndes am Rande sein Bewusstseins entlang. Er konnte es bislang ausblenden, doch langsam erwachte in seinem Nacken die Nervosit\u00e4t des Gehetzten. Schauer rannen \u00fcber seine Wirbel. Er sah nerv\u00f6s \u00fcber die Schulter, erkannte aber nur ein paar der Geisterkinder, unter denen sich auch das M\u00e4dchen mit dem roten Mantel aufhielt.<br \/>\nKr\u00fcmel versteifte sich pl\u00f6tzlich in seinem Arm.<br \/>\n\u201eWir werden beobachtet!\u201c, hauchte er.<br \/>\n\u201eJa\u201c, entgegnete Philippe leise, w\u00e4hrend er zu Kr\u00fcmel blickte.<br \/>\nEr spannte sich und sah sich erneut um. Noch mehr Kinder huschten am Rande der Schatten zwischen den Marktbuden umher. Ihre Gesichter waren bleich und die tiefliegenden Augen glommen wie H\u00f6llenfeuer.<br \/>\n\u201eSie umzingeln uns\u201c, fl\u00fcsterte Kr\u00fcmel.<br \/>\nPhilippe schluckte hart. Er erinnerte sich, dass es ihm damals auch nicht anders ging. Er sp\u00fcrte ihre Blicke in seinem Nacken und f\u00fchlte die eisige Luft, die wie Lava in seinen Lungen brannte, als er losst\u00fcrmte, um ihnen zwischen den St\u00e4nden zu entkommen!<br \/>\nBevor er die Fetzen seiner Erinnerung g\u00e4nzlich abstreifen konnte, l\u00f6ste sich Kr\u00fcmel aus seinem Arm. Der Junge ergriff seine Hand und st\u00fcrzte mit ihm los.<br \/>\nPhilippe lie\u00df sich einige Sekunden lang mit ziehen. Er erkannte viele der Ecken und Winkel wieder.<br \/>\nIhm entging nicht, dass sich die Schatten vertiefen und dunkle Nebel aufstiegen, um sich an einigen Stellen zu etwas bizarr stofflichen zusammenzuballen.<br \/>\nEr war da! Philippe sp\u00fcrte die grausame Aura!<br \/>\nPl\u00f6tzlich wuchs aus einer Nische zwischen den Buden ein Mann aus der Dunkelheit! Er war bis zu den Augen gesch\u00fctzt durch seinen schneenassen, schweren Kutschermantel und einen Schal, in dem Eiskristalle glitzerten. Wei\u00dfe Haare wehten nebul\u00f6s in dem kalten Wind, der durch die Gasse pfiff und Philippe kurz die Sicht nahm, als seine langen, offenen Locken in seine Augen trieben.<br \/>\nEinen Herzschlag sp\u00e4ter brach sich das fahle Licht einer Stra\u00dfenlampe auf der geschliffenen Klinge eines Fleischermessers! Schw\u00e4rze ging von der rostigen Klinge aus. Philippe konnte es nicht anders beschrieben. Diese Waffe sog das Licht und das Leben in sich auf.<br \/>\nKr\u00fcmel gab einen kr\u00e4chzenden Schrei von sich, als er auf dem Schnee versuchte rechtzeitig zum stehen zu kommen.<br \/>\nPhilippe schlug einen Haken und riss Kr\u00fcmel unsanft hinter sich her.<br \/>\nAm anderen Ende der Gasse versperrte der Karamellenh\u00e4ndler ihnen den Weg. Ihn umringten einige der Kinder. Ihre furchtbaren H\u00f6llenaugen bohrten sich in Philippes.<br \/>\nEr wich nicht aus oder blieb stehen. Kr\u00fcmel stie\u00df einen hellen, fast unmenschlichen Schrei aus. Es klang wie ein Laut \u00e4u\u00dferster Angst.<br \/>\nPhilippe dachte daran, wie das Geisterm\u00e4dchen durch sie hindurch geglitten war.<br \/>\nUmso mehr erstaunte es ihn, dass die Kinder pl\u00f6tzlich wie ein Wesen herum fuhren und davon stoben. Einzig der H\u00e4ndler blieb zur\u00fcck. Aber auch er sprang zur Seite, als Philippe mit Kr\u00fcmel an ihm vor\u00fcber st\u00fcrmte. Der Schwung trug sie auf den freien Platz vor dem Karussell, das im Schatten des Lyzeums und der Marktkirche stand. Nebul\u00f6se Gestalten wichen zur\u00fcck und verwehten in der Nacht, nur um sich wenige Meter versetzt wieder zu geisterhafter Substanz zusammenzusetzen.<br \/>\nAus dem Augenwinkel sah er einen blonden Jungen, der von den Kindern, die ihnen eben noch den Weg vertraten gehetzt wurde.<br \/>\nMit einigem Schrecken wurde Philippe klar, dass die Kinder ihnen nicht auswichen, sondern ein leichteres Opfer gefunden hatten!<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-1054 alignleft\" src=\"https:\/\/lysander1330.files.wordpress.com\/2017\/12\/spuren-im-schnee_kl.jpg\" alt=\"Spuren im Schnee_kl\" width=\"438\" height=\"618\" \/>Der Knabe verschwand aus seiner Sicht in den Schatten der majest\u00e4tischen Marktkirche, verfolgt von winzigen, untoten Monstern.<br \/>\nDie Erinnerung traf Philippe mit unsagbarer Gewalt. Er strauchelte und fing sich gerade noch, bevor er st\u00fcrzte.<br \/>\nKr\u00fcmel prallte keuchend gegen ihn und klammerte sich an seiner Taille fest.<br \/>\n\u201eDas war doch wieder \u2026\u201c, er rang \u00a0nach Atem, \u201eder Junge, den ich \u2026 gesehen habe!\u201c<br \/>\nPhilippe sah \u00fcber die Schulter in die Gasse zur\u00fcck.<br \/>\nEr erwartete fast den Mann in seinem Kutschermantel zu sehen! Wie auch der Bonbon-H\u00e4ndler hatte sich dieses Wesen zur\u00fcck gezogen und lauerte. Vielleicht war er sogar schon wieder dort, wo er die Kinder hinlockte, um sie zu t\u00f6ten!<br \/>\nEr sah zu Kr\u00fcmel, der ihn irritiert beobachtete.<br \/>\n\u201eSiehst du den Jungen denn nicht?\u201c, fragte er gereizt.<br \/>\n\u201eDoch\u201c, entgegnete Philippe nerv\u00f6s. \u201eBegegnen sollte ich ihm nur nicht.\u201c<br \/>\n\u201eWarum?\u201c, fragte Kr\u00fcmel, w\u00e4hrend er sich sichernd umsah.<br \/>\n\u201eDer Junge bin ich.\u201c<\/p>\n<p>Philippe schloss kurz die Augen. Der Chor sang gerade: Macht die Tore weit. Er entsinnte sich, dass die Kinder ihn damals um die Kirche hetzten und ihn an dem Karussell in die Enge trieben.<br \/>\n\u201aDas Karussell! Der innere Korpus lie\u00df sich \u00f6ffnen!\u2019, erinnerte er sich. \u201aDarin schlachtete er die Kinder ab!\u2019<br \/>\nOhne l\u00e4nger dar\u00fcber nachzudenken ergriff er die Hand des verwirrten Punks und zog ihn mit sich.<\/p>\n<p>Zu vollkommen anderer Musik drehten sich die verwaisten Figuren, Schlitten und Wagen.<br \/>\nDas Kettenwerk klapperte atonal im Inneren des Karussells, w\u00e4hrend eine Dampforgel die stampfende Melodie einer Walze abspielte. Philippe schauderte bei den Lauten. Er sah sich genauer um.<br \/>\nDer Lack der Figuren bl\u00e4tterte langsam ab. Pockennarbig starrten die K\u00f6pfe der Pferde und Rehe zu ihnen. Im Licht- und Schattenspiel der Gaslampen gewann die Szenerie an dunklem, boshaftem Leben. Obwohl die Puppen nur aus bemaltem Holz bestanden, glaubte Philippe, leichte Bewegungen in den starren K\u00f6rpern wahr zu nehmen. Er schauderte unter dem Anblick.<br \/>\nKr\u00fcmel ergriff ihn am Arm.<br \/>\n\u201eIch bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich h\u00f6re die Kinder heranst\u00fcrmen.\u201c<br \/>\nPhilippe verstand seine Warnung.<br \/>\nEr sprang die drei Stufen zu der unteren Ebene der Drehscheibe hinauf und hielt sich an einer St\u00fctze des Baldachins fest. Das rotwei\u00df lackierte Holz und das goldene Messing strahlten unmenschliche K\u00e4lte aus. Rasch griff er nach dem n\u00e4chst stehenden Pferdekopf, nur um sich in die zweite Reihe aufgespie\u00dfter Karusselltiere zu bewegen. Die Figuren hoben und senkten sich in fast lasziven Bewegungen. Eine gewisse Perversit\u00e4t ging davon aus. Aus dem Knarren und \u00c4chzen des Holzes h\u00f6rte Philippe das St\u00f6hnen eines Lebewesens heraus. Eisige K\u00e4lte rann \u00fcber seinen R\u00fccken. Er betrat vorsichtig die innere Drehscheibe. Pl\u00f6tzlich begann sich das Karussell schneller zu drehen! Philippe zuckte zusammen und sah sich um. Die Geschwindigkeit nahm rasend zu. Ihm fiel es immer schwerer, sein Gleichgewicht zu halten.<br \/>\nDie Zentrifugalkraft trieb ihn im ersten Moment gegen eines der Pferde. Ihm wurde schwindelig, wie auch damals. Er musste sich fest halten. F\u00fcr einen Moment schloss er die Lider und konzentrierte sich, bevor er sich erneut umsah. Die Welt au\u00dferhalb des Karussells drehte sich in rasender Geschwindigkeit. Bildfetzen schwammen vorbei, ohne dass er sie optisch ergreifen konnte. Vage entfernt glaubte er immer wieder Menschen in unterschiedlichen Trachten und Gew\u00e4ndern aus verschiedenen Epochen wahrzunehmen, konnte sich aber nicht sicher sein. In ihm str\u00e4ubte sich alles gegen diesen unertr\u00e4glichen Anblick. Er sp\u00fcrte, wie ihm schlecht wurde. Schlie\u00dflich riss er sich davon los und sah sich nach Kr\u00fcmel um. Ihm war vollkommen entgangen, ob sein junger Geliebter ebenfalls den Sprung hier her wagte.<br \/>\n\u201eKr\u00fcmel?\u201c, rief er.<br \/>\nSeine Antwort blieb aus.<br \/>\n\u201eKr\u00fcmel! DAVID!\u201c<br \/>\nPhilippes sonst ruhige Stimme steigerte sich. Er bemerkte den schrillen Unterton der Panik darin, konnte ihn aber nicht unterdr\u00fccken. Vielleicht stand er noch dort unten?! Philippe sammelte sich und unterdr\u00fcckte die Angst, die in ihm zu einem erstickenden Monstrum anwuchs.<br \/>\nEr schritt unsicher zwischen den sich rasch auf und ab bewegenden Holztieren \u00fcber die Plattform. Noch gab es die M\u00f6glichkeit, dass er an anderer Stelle aufgesprungen war. Trotz des rasenden Tempos der Drehscheibe gewann Philippe nach einigen Sekunden eine gewisse Sicherheit zwischen den Figuren. Sie bewegten sich in einem f\u00fcr ihn berechenbaren Takt. Mit dieser Sicherheit gelang es ihm, ein bisschen schneller auszuschreiten, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.<br \/>\nEr umrundete die Ebene bis zu der Stiege, ohne jedoch auf Kr\u00fcmel zu treffen. Erneute Angst ergriff ihn.<br \/>\nSein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Unstet irrte sein Blick \u00fcber die Ebene, bis er an dem Kernst\u00fcck, dem Maschinenraum der Karussells, h\u00e4ngen blieb.<br \/>\nPhilippe erkannte in den bemalten Holzplatten deutlich die Fugen der T\u00fcre, die unter der Treppe zu der zweiten Etage verborgen lag. Konnte es sein, dass dieses Gesch\u00f6pf, was hier lebte, Kr\u00fcmel in seinen F\u00e4ngen hielt?<br \/>\nDer Gedanke ersch\u00fctterte Philippe. Mit beiden H\u00e4nden klammerte er sich an das Gel\u00e4nder der verzierten Leiterstiege. Sein Herz raste pl\u00f6tzlich vor unbezwingbarer Angst um seinen Freund! In seinem Hals ballte sich ein harter Klumpen zusammen, der ihn zu ersticken drohte.<br \/>\nEr sp\u00fcrte, wie aus seiner Angst Zorn erwuchs. Seine F\u00e4uste ballten sich um das eisige Metall, das sich unter seinen Fingern zu deformieren begann, bis die Kn\u00f6chel fahl hervor stachen. Seine Z\u00e4hne mahlten aufeinander. Aus seinen schmalen Fingern wuchsen Klauen. Kraft kehrte in seinen K\u00f6rper zur\u00fcck.<br \/>\nDas rasende Tempo des Karussells konnte ihm nichts mehr anhaben. Im Gegenteil schien es ihm eher Schwung zu verleihen. Alles in seinem Leib spannte sich, um an dem Gel\u00e4nder vorbei durch die T\u00fcre zu brechen.<br \/>\nStimmenfetzen hielten ihn zur\u00fcck. Philippe fuhr herum und erkannte, dass die Plattform an Geschwindigkeit verlor. Die Welt zwischen den Sekunden wurde wieder klarer. Im Schnee erkannte er einen blonden Jungen, der sich nah an Kr\u00fcmel dr\u00e4ngte. Das Bild verschwand so rasch, wie es kam. In der n\u00e4chsten Umdrehung lag in Kr\u00fcmels Hand der schwere Ketteng\u00fcrtel, den er bislang um die H\u00fcften trug. Er schwang ihn gegen die Kinder, die die beiden jungen M\u00e4nner umringten.<br \/>\nPhilippes kindliches Alterego wich zur\u00fcck. Es schien ihm fast, als wisse der Junge nicht, wen er mehr f\u00fcrchten solle; Kr\u00fcmel oder die Leichenkinder.<br \/>\nDie Drehung der Plattform riss das Bild von Philippe fort, bevor die Szene erneut in sein Sichtfeld r\u00fcckte. Er bemerkte, dass sein j\u00fcngeres Selbst nach einer der rotwei\u00df ziselierten Holzst\u00fctzen auf der Etage griff und sich daran hoch zog. Kr\u00fcmel schlug im gleichen Augenblick einem der Kinder \u2013dem M\u00e4dchen mit dem roten Mantel &#8211; die Ketten in das verzerrte D\u00e4monengesicht. Philippe dachte nicht mehr daran, sich vor einer Begegnung mit dem Jungen, der er einst war, zu sch\u00fctzen. Viel mehr fuhr er nach vorne. Er umklammerte eine der St\u00fctzen und ergriff nach der n\u00e4chsten Drehung Kr\u00fcmels Arm, um ihn zu sich zu ziehen. Keine Sekunde zu sp\u00e4t, wie er feststellen musste. Die Szenerie \u00e4nderte sich. Im Schnee lag das blutende Kind, von Kr\u00fcmel niedergeschlagen, w\u00e4hrend seine Gef\u00e4hrten auf den jungen Mann eindrangen, vollkommen ungeachtet was er gerade mit einem der ihren getan hatte.<br \/>\nKr\u00fcmel stie\u00df einen spitzen Schrei aus, als er den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verlor. Er wehrte sich blind gegen Philippe. Offenbar erkannte der Punk ihn im ersten Moment nicht.<br \/>\n\u201eIch bin es!\u201c, rief Philippe.<br \/>\nErst die Worte, vielleicht auch nur der Klang seiner Stimme, beruhigten den jungen Mann. Seine Gegenwehr ebbte ab und verschwand vollkommen, nachdem ihn Philippe in die Sicherheit der Plattform brachte.<br \/>\nKr\u00fcmel fuhr in den Armen seines Geliebten herum und umschlang Philippe fest. Seine Wangen gl\u00fchten vor Anstrengung. Schwei\u00df perlte auf seiner Stirn. Philippe h\u00f6rte den rasenden Herzschlag des jungen Mannes. Kr\u00fcmels Atem ging sto\u00dfweise und kondensierte in wei\u00dfen Dampfwolken vor seinen Lippen.<br \/>\n\u201ePhilippe!\u201c, keuchte er. Der Laut erstickte sich in der festen, \u00e4ngstlichen Umarmung, die Philippe erwiderte.<br \/>\nViel Zeit blieb ihm nicht. Viel mehr drang ein mahlendes Ger\u00e4usch aus dem Inneren des Karussells. Die Ketten klirrten innen gegeneinander und irgendetwas in der Mechanik setzte sich scheppernd wieder in Bewegung, w\u00e4hrend die Zentrifuge sich kreischend in Bewegung setzte.<br \/>\nKr\u00fcmel krallte sich an Philippe fest.<br \/>\n\u201eWo ist der Junge?!\u201c, hauchte er. Eisige Starre erf\u00fcllte seine Stimme.<br \/>\nPhilippe wusste die Antwort, konnte es allerdings nicht aussprechen. Hinter ihm h\u00f6rte er, wie sich die T\u00fcre des Maschinenraums \u00f6ffnete.<br \/>\nEilig dr\u00e4ngte er Kr\u00fcmel die Stiege hinauf, um wenigstens ihn vor dem Kinderj\u00e4ger zu bewahren, w\u00e4hrend er ihm rasch folgte.<br \/>\nNoch bevor er die obere Eben des Karussells erreichte, trat der wei\u00dfhaarige Mann in seinem alten, zerschlissenen Kutschermantel aus dem Inneren des Karussells. Er hob kurz den Blick. Tief in den H\u00f6hlen liegende Augen, deren Iris fahl blau war, bohrten sich in die Philippes.<br \/>\nDer Schal, den er vor Mund und Nase gezogen hielt, glitt herab und gab das beinah g\u00fctige Antlitz eines hageren, alten Mannes frei. Er sah bedauernd zu Philippe. Sachte sch\u00fcttelte er den Kopf. Sein Bart zuckte leicht, als sich seine Lippen bewegten. Durch den rasenden Fahrtwind rissen die Worte von seinen Lippen. Schlie\u00dflich senkte er den Blick wieder und schleppte sich gebeugt aus der T\u00fcre. Mit vollkommener Sicherheit, die seine schwerf\u00e4lligen Bewegungen L\u00fcgen straften, schlich er aus den Schatten hinaus auf die drehende Plattform. Philippe beobachtete ihn, bis er aus seinem Sichtfeld verschwand.<br \/>\n\u201eIch sehe ihn!\u201c, rief Kr\u00fcmel, der sich an einer der Gondeln vorbei zur Balustrade geschoben hatte.<br \/>\nPhilippe fuhr herum.<br \/>\n\u201eWen?!\u201c, fragte er verwirrt.<br \/>\n\u201eDen Jungen!\u201c, entgegnete Kr\u00fcmel mit einem Blick \u00fcber die Schulter.<br \/>\nVor Philippes innerem Auge erschien die kleine Kutsche, in deren Ecke sich sein j\u00fcngeres Selbst kauerte. Er sp\u00fcrte sogar noch das br\u00fcchige, gr\u00fcne Leder unter seinen Fingern.<br \/>\n\u201eWarne ihn!\u201c, entgegnete Philippe aus einem Impuls heraus.<br \/>\nEr wendete sich wieder ab. Sein j\u00fcngeres Selbst d\u00fcrfte ihn nicht sehen. Jetzt musste er seinem Geliebten vertrauen.<br \/>\n\u201eHey, Kleiner!\u201c, br\u00fcllte Kr\u00fcmel, w\u00e4hrend er sich \u00fcber die Balustrade der ersten Etage neigte.<br \/>\nPhilippe wusste, dass der Junge in dem Augenblick hinauf sah, direkt in das von der Anstrengung ger\u00f6tete Gesicht Kr\u00fcmels. Er erinnerte sich daran!<br \/>\n\u201eLauf weg! Der Kerl mit dem Messer hat dich gleich!\u201c<br \/>\nEr sp\u00fcrte den eisigen Schrecken und die aufwallende Panik, die die Glieder des Jungen kurzzeitig l\u00e4hmten. Zugleich sah er durch seine Augen den freundlichen alten Mann, der den Preis f\u00fcr die Fahrt einforderte \u2026<br \/>\n\u201eTritt ihm gegen den Arm!\u201c, zischte Philippe. Er klammerte sich mit beiden H\u00e4nden an dem Gel\u00e4nder fest.<br \/>\n\u201eTritt ihn!\u201c, gab Kr\u00fcmel die Anweisung ungefiltert weiter.<br \/>\nPhilippe musste dem Jungen helfen. Er spannte sich zum Sprung.<br \/>\nIn dem Moment f\u00fchlte er den Impuls des Jungen, w\u00e4hrend er seine Beine an den Leib zog. Ein Gemisch aus Schrecken und Verwirrung durchflutete ihn. Es waren die Gef\u00fchle des Knaben aus der Vergangenheit. W\u00e4hrend der Junge seine F\u00fc\u00dfe nach vorne stie\u00df, dem Mann entgegen, glaubte Philippe morsche Knochen zu h\u00f6ren, die unter seinem Stiefel nachgaben. Aus den Augen seines kindlichen Selbst sah er, wie der Alte gegen den Kern des Karussells taumelt. Im gleichen Augenblick federte er hoch. Im Gegensatz zu seinem Alterego krallte Philippe sich in das Gel\u00e4nder und wartete. Der Junge st\u00fcrzte kopflos \u00fcber die untere Plattform. Immer wieder wagte er sich an den Rand, die Stufen in die Wirklichkeit. Aber das irrsinnige Bildergewirr um ihn raubte ihm den Mut zu dem Sprung durch die Zeit. Vielleicht endete er unter den Leichenkindern, aber niemand konnte schlimmer sein, als dieses Gesch\u00f6pf, das das schwarze Herz dieses Ortes war!<br \/>\n\u201eSpring\u201c, fl\u00fcsterte Philipp. \u201eHab den Mut!\u201c<br \/>\nTats\u00e4chlich sp\u00fcrte er das aufmerksame Lauschen. Der Knabe nahm ihn wahr, wusste, dass ihn jemand f\u00fchrte und ihm Mut und Kraft gab. Erneut umklammerte er die St\u00fctze des Baldachins, um nach unten zu sp\u00e4hen. Philippe sp\u00fcrte sein rasendes Herz. Alles in ihm verkrampfte sich durch die Angst des Jungen.<br \/>\nEr f\u00fchlte sich selbst gehetzt, erwartete in jeder Bewegung das Gesch\u00f6pf zu sehen, was auf seine Seele lauerte. Starb der Knabe, w\u00fcrde auch er sich unweigerlich aufl\u00f6sen. Diese Gewissheit versuchte er seinem Alterego zu \u00fcbermitteln.<br \/>\nKr\u00fcmel blieb neben Philippe stehen. Er verfolgte genau den Weg des Jungen.<br \/>\n\u201eSpring endlich ab, du Spinner!\u201c, br\u00fcllte er panisch.<br \/>\nDer Knabe fuhr herum und sah einen Herzschlag lang hinauf.<br \/>\nPhilippe wich zur\u00fcck, bis sein Gesicht vollst\u00e4ndig in den Schatten des farbigen Baldachins verschwand.<br \/>\nDennoch sp\u00fcrte er das Entsetzen des Jungen, der f\u00fcr einen Herzschlag seine erwachsene Erscheinung erkannte!<br \/>\nEntsetzt schloss Philippe die Augen. Er wusste nicht, was passieren konnte, wenn er innerhalb eines Zeitparadoxons auf sich selbst traf. Grunds\u00e4tzlich konnte es allerdings nur in einer Katastrophe enden. Das tiefe, ersch\u00fctternde Mahlen aus dem Inneren des Karussells best\u00e4tigte seine Bef\u00fcrchtungen. Die gesamte Konstruktion bebte und b\u00e4umte sich auf, nur um zur\u00fcckzusacken. Gondeln und Wagen brachen aus ihren Verankerungen. Die Stangen der Pferde und Rehe l\u00f6sten sich. Einige brachen in sich zusammen, andere verkanteten sich zwischen erster Ebene und Baldachin. Funken stoben auf, als scharfkantiges Metall \u00fcber den Innenrost kratzten.<br \/>\nPhilippes j\u00fcngeres Selbst hatte sich zusammengekauert und krallte sich entsetzt in die Holzdielen der unteren Etage.<br \/>\nPl\u00f6tzlich schob sich Kr\u00fcmel an Philippe vor\u00fcber und sprang die Stufen der Leitertreppe hinab.<br \/>\nIm gleichen Moment b\u00e4umte sich der Boden unter Philippe. Er konnte sich festklammern. Das Beben wollte nicht aufh\u00f6ren. Entsetzt sp\u00e4hte er hinab.<br \/>\nSein Freund fing sich gerade rechtzeitig und klammerte sich an einer der Figuren fest. Ein weiterer Sto\u00df riss ihn fast von den F\u00fc\u00dfen. In letzter Sekunde fing er sich wieder.<br \/>\nDer Schatten des Alten erhob sich drohend \u00fcber dem jungen Punk, ohne dass er den Mann bemerkte. Der junge Philippe schrie eine Warnung, die Kr\u00fcmel nicht recht verstand. Schlie\u00dflich federte der Junge nach vorne und riss Kr\u00fcmel mit sich.<br \/>\nHeftige St\u00f6\u00dfe durchfuhren das Konstrukt aus Holz und Eisen. Philippe h\u00f6rte, wie einer der Tr\u00e4ger splitterte und Metall riss.<br \/>\nEr konnte nicht l\u00e4nger warten. Was immer innerhalb dieses Zeitparadoxons passieren w\u00fcrde, er musste eingreifen!<br \/>\nSein junges Selbst klammerte sich mit Kr\u00fcmel an das Gel\u00e4nder der Stiege, w\u00e4hrend das Karussell noch st\u00e4rker unter ihren F\u00fc\u00dfen bebte. Der Schatten des Alten gewann an Stofflichkeit. Aus diffuser Substanzlosigkeit gerann ein vage menschliches Gesch\u00f6pf, dessen Mantel und Schal in Nebelschwaden und Rauchf\u00e4den endeten. Er erhob seine H\u00e4nde. In einer davon zuckte das Messer auf.<br \/>\nIn der Sekunde sprang Philippe von oben herab. Er strauchelte und fing sich gerade noch rechtzeitig. Der Stich sollte sein j\u00fcngeres Selbst treffen, streifte aber ihn. Wolle zerriss \u00fcber seinem Arm. Die Klinge fuhr \u00fcber seine Haut und hinterlie\u00df einen d\u00fcnnen, brennenden Schnitt.<br \/>\nFast erwartete Philippe, die Wunde w\u00fcrde sich gleich wieder schlie\u00dfen, wie es ihm bei allen normalen Waffen erging. Allerdings trat das Gegenteil ein! Br\u00fcllender Schmerz ballte sich in seinen Muskeln und explodierte. Blut spritzte \u00fcber Wand und Leiter.<br \/>\nPhilippe blieb keine Zeit, sich darauf zu konzentrieren. Er schob die k\u00f6rperlichen Empfindungen weg.<br \/>\nDicht hinter sich sp\u00fcrte er Kr\u00fcmel, der sich mit einer Hand an ihn klammerte.<br \/>\n\u201eLauft!\u201c schrie Philippe, w\u00e4hrend er sich nach der Waffenhand seines Gegners griff.<br \/>\nKr\u00fcmel lie\u00df ihn los. Gleichzeitig fuhr Philippes Hand durch den Alten hindurch, ohne auf Substanz zu sto\u00dfen. Doch die Waffe nahm sofort wieder Stofflichkeit an. Philippe sprang zur\u00fcck, dennoch streifte ihn die Waffe \u00fcber Brust und Bauch. Die rostige Klinge fuhr durch seine Kleider, als seien sie nicht da.<br \/>\nGlei\u00dfend explodierte der Schmerz auf seiner Haut.<br \/>\nPhilippe wurde durch eine weitere Ersch\u00fctterung nach hinten geschleudert, aus der Reichweite seines Gegners. Unsanft prallte er in eines der umgest\u00fcrzten Karusselltiere. Angespitztes Holz stach in seinen R\u00fccken. Zeit blieb ihm nicht, sich dar\u00fcber Gedanken zu machen. Mit einem unmenschlich schnellen Satz folgte ihm sein Gegner nach.<br \/>\nPhilippe federte auf die F\u00fc\u00dfe und machte einen Satz zur\u00fcck. Er umklammerte die Metallstange eines anderen Holztieres, das noch in seiner Position sa\u00df, mit der Linken. Das Rohr drehte sich leicht in der Aufh\u00e4ngung. Philippe nutzte es, um Schwung zu holen und seinem Gegner mit aller Gewalt den Fu\u00df vor die Brust zu sto\u00dfen.<br \/>\nAls sein Stiefel den Alten traf, fand er Substanz. Das Gesch\u00f6pf wurde hart zur\u00fcckgetrieben und schlug in die Treppe zur oberen Etage ein. Mit uns\u00e4glicher Gewalt riss es die unteren Sprossen herab und begrub sie unter sich.<br \/>\nPhilippe setzte ihm nach. Er sp\u00fcrte, wie ihn der Kampfrausch ergriff und mit Euphorie erf\u00fcllte. Wenn bislang die Karten ungerecht verteilt schienen, so konnte er sich sein eigenes monstr\u00f6ses, unsterbliches Dasein zu Nutzen machen.<br \/>\nF\u00e4nge und Z\u00e4hne verst\u00e4rkten sich. Mit kaum menschlicher Geschwindigkeit st\u00fcrzte er sich auf seinen Gegner. Die fahl blauen Augen des Alten weiteten sich erschrocken, als Phillippe ihm die Klauen in den K\u00f6rper stie\u00df. Pl\u00f6tzlich zog sich das Gesch\u00f6pf zu einer nebul\u00f6sen Erscheinung zusammen und verwehte.<br \/>\nPhilippe schrie zornig auf.<br \/>\nSchwarzes Blut troff von seinen H\u00e4nden auf das lackierte, bunte Holz. Sofort fuhr er hoch und sah sich um. Sein Gegner war verschwunden. Auch Kr\u00fcmel und sein j\u00fcngeres Selbst entdeckte er nicht mehr.<br \/>\nAm Rande nahm er wahr, wie das Beben unter seinen F\u00fc\u00dfen langsam nachlie\u00df und schlie\u00dflich ganz aufh\u00f6rte.<br \/>\nWaren Kr\u00fcmel und sein Alterego demnach fort und in Sicherheit? Die Verbindung zu dem Knaben konnte er nicht mehr aufbauen.<br \/>\nLangsam lie\u00df er seinen Blick \u00fcber die sich bewegenden Figuren gleiten. Das Paradoxon hatte ihnen \u00fcbel zugesetzt. Zudem entdeckte er in Boden und Kernwand Risse, die zuvor nicht dagewesen waren.<br \/>\nPhilippe sah nach drau\u00dfen. Um ihn flirrte immer noch der Zeitstrudel. Das Knarren der T\u00fcre zu dem Inneren des Karussells erregte seine Aufmerksamkeit. Dunkle Spuren Blutes und herab gebrochene St\u00fccke nebul\u00f6s schleimiger Substanz f\u00fchrten unter den Ruinen der Treppe durch die T\u00fcre in das dunkle Innere.<br \/>\nZu Philippe wehte pl\u00f6tzlich unertr\u00e4glich s\u00fc\u00dfer Gestank her\u00fcber, in den sich verschiedene andere Aromen mischten. Es war eine Mischung aus Blut, Verwesung, S\u00e4ure, \u00d6l und Metall. Kr\u00fcmels Duft mischte sich darunter, genau so wie der Hauch des Parfums, was sein Alterego trug.<br \/>\nEr schloss die Lider und witterte.<br \/>\nDie Quelle der Ger\u00fcche kamen aus dem Inneren des Karussells!<br \/>\nPhilippe riss entsetzt die Augen auf.<br \/>\nMit einem Sprung erreichte er die T\u00fcre und schob sich durch den niedrigen Eingang. Dunkelheit und klamme Hitze umfing ihn. Es f\u00fchlte sich an, als w\u00fcrde ihn etwas widerlich Lebendiges aufnehmen.<br \/>\nTrotz seiner guten Raubtieraugen blieb es ihm verwehrt mehr zu sehen, als ein normaler Mensch. Das Licht von Au\u00dfen drang nicht besonders weit in den Maschinenkern. Vage konnte er erkennen, dass sich vor ihm ein gewaltiges R\u00e4der- und Kettenwerk um eine genarbte Kernstange bewegte. Die Hitze stieg von dem Metall aus. Der Geruch nach \u00d6l stammte von der gefetteten Mechanik. Z\u00e4hfl\u00fcssig rann etwas an der Nabe herab. Philippe erkannte den Geruch sofort. Blut!<br \/>\n\u00dcbelkeit stieg in ihm auf. Er w\u00fcrgte kurz, presste dann aber die Hand gegen die Lippen. Schw\u00e4chen konnte er sich nicht erlauben! Sein Blick glitt durch die Kammer. Eine schmale Wendeltreppe f\u00fchrte um den Kern hinab. Wie damals fragte sich Philippe, wohin dieser Schacht f\u00fchrte. Dieses Mal musste er ihn gehen, gleich was passieren w\u00fcrde. Die Angst um Kr\u00fcmel zog sein Herz zusammen.<br \/>\nEr trat den Weg nach unten an.<\/p>\n<p>Das Maschinenwerk reichte schier unendlich in die Tiefe. Das Rasseln der Ketten, die sich unabl\u00e4ssig wie ein Zahnriemen bewegten, begleitete ihn, bis er das Ger\u00e4usch ausblendete. Die Stufen unter seinen Stiefeln bestanden aus Holz. Er wollte zu dem dick verkrusteten Belag darauf lieber keine R\u00fcckschl\u00fcsse ziehen. Dennoch musste er einige Male aufpassen, wohin er trat. \u00d6fter glitt sein Fu\u00df weg. Es gelang ihm immer nur im buchst\u00e4blich letzten Moment, sich an der Wand festzuhalten. Zur Mitte hin war die Konstruktion nicht gesichert. Ein Sturz in die Maschine, w\u00e4re auch Philippes sicherer Tod. Trotzdem eilte er weiter hinab.<br \/>\nNach einer unmessbaren Zeitspanne verlangsamte Philippe seine Schritte ein wenig. Ein Anflug von Hoffnungslosigkeit ergriff ihn. Aber allein der Gedanke, dass Kr\u00fcmel etwas zusto\u00dfen konnte, vertrieb das Gef\u00fchl so schnell, wie es kam.<br \/>\nNoch immer nahm er den Duft seines Geliebten wahr, in den sich das Parfum mischte.<br \/>\nRot flackernder Schatten zuckte \u00fcber die W\u00e4nde und erregte Philippes Aufmerksamkeit. Er versuchte seinen Schritt zu verlangsamen und stolperte die letzten Stufen hinab, bevor er sich wieder an der Wand abfangen konnte. F\u00fcr einen Moment verharrte er, um das Licht einordnen zu k\u00f6nnen. Die Quelle lag irgendwo unter ihm, im Zentrum dieses verfluchten Ortes. Der Gestank nach Verwesung nahm stetig zu.<br \/>\nOhne weiter zu z\u00f6gern, setzte er mit weiten Spr\u00fcngen die Stufen hinab.<br \/>\nVon einem Moment zum Anderen endete die Treppe auf einer Plattform, die von dicken, rostigen Ketten getragen wurde. Sein eigener Schwung trug ihn um ein Haar \u00fcber die Begrenzung hinaus. Verzweifelt klammerte er sich an die Tr\u00e4gerkonstruktion und zog sich zur\u00fcck. Sein langes Haar fiel \u00fcber Schultern und Oberk\u00f6rper. Schmerzen schossen durch die verletzten Stellen an Arm und Brust. Zitternd und ersch\u00f6pft strich er sein Haar zur\u00fcck und orientierte sich fl\u00fcchtig.<br \/>\nDiese Plattform war Teil einer H\u00e4ngebr\u00fccken- und Leiterkonstruktion. Nirgendwo gab es ein Gel\u00e4nder. Lediglich hauchfeine Vorh\u00e4nge, die an ausged\u00fcnnte Hautfetzen erinnerten, bewegten sich zwischen den einzelnen Ebenen.<br \/>\nSein Auftritt konnte nicht unbemerkt geblieben sein. Die gesamte Konstruktion schwang unter ihm nach.<br \/>\nPhilippes Blick richtete sich nach unten. In der Tiefe, gut f\u00fcnf Meter unter ihm, flackerten Feuer aus dem Boden heraus. Hitze, die aus der H\u00f6lle zu kommen schien, versengte seine Haut. Der Boden erinnerte an Kopfsteinpflaster, dass in Schieferplatten \u00fcber ging. Offenbar diente der Belag als Sickerbecken. An vielen Stellen hatte sich schwarz geronnenes Blut abgesetzt.<br \/>\nErneut w\u00fcrgte er. Mit zusammengebissenen Z\u00e4hnen verdr\u00e4ngte er die Vorstellung und sp\u00e4hte hinab. Philippe \u00fcberlegte einen Moment, ob er den Sprung hinab \u00fcberstehen konnte. Die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Unter seinen F\u00fc\u00dfen bewegte sich die Plattform sachte. Er fuhr herum. Aus den Schatten und Nebeln materialisierte das Monstrum. Sein Messer schimmerte in dem diffusen Vulkanlicht.<br \/>\n\u201eEngelsgesicht\u201c, fl\u00fcsterte eine Stimme, deren Klang wie Glas und rostiger Stahl war.<br \/>\nPhilippe biss die Z\u00e4hne zusammen und lie\u00df sich nach hinten fallen.<\/p>\n<p>Der Aufprall zerschmetterte die Knochen seiner F\u00fc\u00dfe und Unterschenkel. Dennoch setzte sich sein K\u00f6rper umgehend wieder zusammen. Philippe ignorierte den Schmerz, so weit er konnte. Er richtete sich langsam auf und sah sich um. Sein Blick huschte herum und verfing sich an bizarren Skulpturen, die im ersten Moment wie skelettierte Engel und geh\u00f6rnte Gesch\u00f6pfe aussahen. Von ihnen ging der S\u00e4uregestank aus.<br \/>\nViel Zeit blieb ihm nicht, sich umzusehen. Schwarzer Nebel sank von oben herab und h\u00fcllte ihn ein. Mit einem Sprung setzte er zur\u00fcck. Einen Herzschlag sp\u00e4ter fuhr die Klinge an ihm vor\u00fcber.<br \/>\n\u201eDu bist besser geworden, Engelsgesicht!\u201c, br\u00fcllte der Alte mit \u00fcberschnappender Stimme.<br \/>\nPhilippe lie\u00df sich zur\u00fcckfallen und rollte \u00fcber die Schulter ab, um sofort wieder auf die F\u00fc\u00dfe zu Federn. Erneut riss der Schmerz an ihm. Der Geruch nach Kr\u00fcmel war hier so pr\u00e4sent! Allerdings konnte er seinen Gegner nicht aus den Augen lassen.<br \/>\nDer alte Mann materialisierte sich nur immer partiell. Philippe blieb nichts anderes \u00fcbrig, als ihm auszuweichen, bis er eine Schwachstelle in seiner Deckung fand.<br \/>\nImmer wieder fuhr das Messer gegen ihn nieder. Jedes Mal wartete er bis zur letzten Sekunde, um zur\u00fcckzufedern. Seine F\u00e4higkeiten halfen ihm ungemein dabei. Tats\u00e4chlich erkannte er sogar ein Schema in den Hieben und Stichen. Vielleicht konnte er das gegen den Alten verwenden!<br \/>\nJedes Mal, wenn er nach Links auswich, nahm das Monster mehr Stofflichkeit an! Schon einmal war es ihm gelungen, seine Deckung zu durchbrechen und ihn zu verletzen!<br \/>\nDieses Mal visierte er das Herz seines Gegners an.<br \/>\nEr lie\u00df den n\u00e4chsten Stich durch. Die Klinge drang tief in seinen Bauch ein. Der Schmerz explodierte so heftig, dass ihm fast die Sinne schwanden. Aber die Angst verlieh ihm zus\u00e4tzliche Kr\u00e4fte. Mit einer Hand umklammerte der den Arm des Gesch\u00f6pfes, zog ihn sogar noch n\u00e4her an sich heran, w\u00e4hrend er mit der Anderen in seine Brust stie\u00df. Er war wie von Sinnen vor Schmerzen. Seine Instinkte begannen seinen Verstand zu \u00fcberrennen. Er sp\u00fcrte eine unertr\u00e4gliche Gier nach Blut!<br \/>\nOhne noch recht zu wissen, was er tat, schloss sich seine Hand um das Herz des Monsters. Er riss es mit der Leichtigkeit eines Vampirs aus dem K\u00f6rper.<br \/>\nSchwindel \u00fcberflutete seine Sinne. Taumelnd stolperte er zur\u00fcck und hielt das noch immer schlagende Herz hoch. Blut rann \u00fcber sein Handgelenk in den \u00c4rmel seines Mantels. In seinem Mund sammelte sich Speichel. Die Lust nach der schwarzen Fl\u00fcssigkeit wurde zu brennender Gier, die in seinen Eingeweiden tobte und seine Sinne umnebelte. Er wollte es trinken, das vergammelte alte Fleisch verschlingen \u2026<br \/>\n\u201ePhilippe!\u201c<br \/>\nKr\u00fcmels panische Stimme zerriss den roten Schleier, der sich \u00fcber seinen Geist gelegt hatte.<br \/>\nEr fuhr herum und wich zur\u00fcck. Das Wesen lebte noch! Es materialisierte, flackerte und st\u00fcrzte auf ihn mit erhobenem Messer zu. Philippe wich ihm aus. Der Alte stolperte und st\u00fcrzte schwer zu Boden. Sein schwarzes Blut sickerte in die Ritzen der Steine.<br \/>\nDie Waffe fiel ihm aus den Fingern. M\u00fchsam versuchte er, sich wieder aufzurichten, brach aber sofort in die Knie. Er starb, realisierte Philippe. Dennoch b\u00e4umte der Alte sich auf. Dieses Wesen konnte und wollte nicht aufgeben!<br \/>\n\u201eIch brauche dein Leben!\u201c, keuchte er. \u201eGib mir dein unsterbliches Leben f\u00fcr meine Klinge! Sie muss m\u00e4chtiger werden \u2026\u201c<br \/>\nPhilippe betrachtete ihn. Alle Monstrosit\u00e4t wich aus dem alten, d\u00fcrren Mann, dessen Leben schon viel zu lang andauerte.<br \/>\nLangsam trat er zu einem der Flammenl\u00f6cher.<br \/>\n\u201eNein\u201c, entgegnete er erzwungen ruhig, w\u00e4hrend er das Herz los lie\u00df. Der pochende Fleischklumpen fiel in das Feuer. Philippe sah zu, wie es langsam verschmorte. Noch immer schlug es. Was gab ihm diese Kraft? Waren es die Leben der Kinder, die alle keine Menschen waren, oder die Macht der Klinge, die erschaffen wurde, um unmenschliche Wesen zu vernichten?<br \/>\nEine zischende gr\u00fcne Stichflamme lie\u00df ihn zur\u00fcck fahren. Gleichzeitig wirbelte er herum und starrte das Wesen an. Es brannte von innen heraus in demselben giftig Licht. Kein Laut kam \u00fcber seine Lippen, obgleich der Schmerz unertr\u00e4glich sein musste.<br \/>\nDer alte Mann starb, daran gab es keinen Zweifel mehr.<br \/>\nPhilippe sah sich um. Er suchte nach Kr\u00fcmel \u2026 und seinem Alterego. Nah der Skulpturen regte sich etwas. Der Punk straffte sich und nahm den Mantel des jungen Philippe von den Schultern.<br \/>\n\u201eWo ist \u2026\u201c, begann Philippe verwirrt.<br \/>\n\u201eIch habe mir seinen Mantel geschnappt, bevor ich ihn vorhin vom Karussell geschubst habe, um den Alten von dir wegzulocken\u201c, erkl\u00e4rte Kr\u00fcmel. Er klang zwar zuversichtlich, aber seine Stimme brach. Philippe sah, wie sehr seine Knie bebten. Er konnte sich kaum aufrecht halten.<br \/>\nMit wenigen Schritten eilte er zu dem jungen Mann hin\u00fcber und umarmte ihn fest. In dem Moment begannen all seine Wunden wieder h\u00f6llisch zu brennen. Er ignorierte den Schmerz. Kr\u00fcmel war die einzige, wichtige Person f\u00fcr ihn. Er sp\u00fcrte, wie sich der Junge an ihn klammerte und pl\u00f6tzlich anfing zu schluchzen.<br \/>\n\u201ePhilippe, er sammelt die Leben und Seelen von solchen, die nicht menschlich sind!\u201c, keuchte er erstickt.<br \/>\n\u201eHier sind so viele von ihnen \u2026 Hunderte \u2026 alle tot! Er hat sie ausgestellt! Er \u2026\u201c<br \/>\nKr\u00fcmel brach ab und vergrub seinen Kopf an Philippes Brust. Das letzte bisschen Fassung br\u00f6ckelte und hinterlie\u00df nichts als einen verzweifelten, zutiefst schockierten jungen Mann.<br \/>\nBehutsam nahm Philippe Kr\u00fcmels Gesicht in seine H\u00e4nde und zwang den Jungen, ihn anzusehen. Die gro\u00dfen, hellen Augen sprachen von dem Grauen, was er gesehen haben musste. Seine Lider waren rot von den Tr\u00e4nen.<br \/>\nWortlos neigte sich Philippe zu seinem Geliebten und k\u00fcsste ihn. Er wollte wenigstens f\u00fcr einige wenige Sekunden vergessen, was um sie herum existierte.<\/p>\n<p>Kr\u00fcmel keuchte in Philippes Kuss hinein. Erschrocken fuhr er auf und sah sich nach dem Monster um. Um sie herum begann sich diese H\u00f6hle aufzul\u00f6sen, wurde fadenscheinig und k\u00e4lter.<br \/>\nEin eisiger Windsto\u00df vertrieb das Bild vollst\u00e4ndig. Sie standen auf dem leeren, stillen Weihnachtsmarkt, der wohl schon vor Stunden seine Tore geschlossen haben musste. Viele Buden waren bereits abgebaut worden und lagen auf Tiefladern aufgeschichtet, die \u00fcber den Platz verteilt standen. Vor H\u00e4ngern parkten Zugmaschinen und Transporter.<br \/>\nIn die Stille drang das Getrampel und Geschrei kleiner Kinder. Lachen und Wortfetzen streiften ihn, bevor sie mit dem Neuschnee von kalten Windb\u00f6en fortgetragen wurden.<br \/>\nPhilippe sah zu Boden. Dort, wo das Nostalgie-Karussell stand, hatten unz\u00e4hlige kleine F\u00fc\u00dfchen, wie die von Kindern, den frischen Schnee aufgew\u00fchlt. Sie verloren sich bereits nach wenigen Schritten. Er schauderte. Nirgendwo brannte Licht hinter den Fenstern, keine Menschenseele schien unterwegs oder wach zu sein. Lediglich die Kirchturmuhr r\u00fcckte auf die fr\u00fche, dritte Stunde vor.<br \/>\nDie heutige Nacht war bereits der fr\u00fche Morgen des 24.Dezember. Heilig Abend!<br \/>\nPhilippe keuchte. Eine seltsame hoffnungsvolle Euphorie ergriff ihn. Er lachte auf. Kr\u00fcmel klammerte sich enger an ihn.<br \/>\n\u201eWas ist?\u201c fragte er.<br \/>\n\u201eNichts, Kr\u00fcmel\u201c, entgegnete er, nachdem er sich ein wenig gefangen hatte.<br \/>\nVerst\u00f6rt sah der Punk ihn an.<br \/>\n\u201eNichts\u201c, erkl\u00e4rte er sanft, w\u00e4hrend er Kr\u00fcmel den Arm um die Schulter legte und ihn an sich zog. Mit einer Hand tastete er \u00fcber den Stich in seinem Bauch. Es tat weh, begann aber zu heilen.<br \/>\n\u201eNur dass es das erste befreite Weihnachtsfest ist, was diese Stadt erleben wird.\u201c<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Unheimliche und d\u00fcster romantische Weihnachten f\u00fcr euch \ud83d\ude42<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo ihr Lieben, hier wieder eine kleine Weihnachtsgeschichte f\u00fcr euch. Habt viel Spa\u00df damit. *** Spuren im Schnee Die eisige Nachtluft trug den dumpfen L\u00e4rm des Weihnachtsmarktes heran, noch bevor sie durch das Tor in die engen Gassen der Marktst\u00e4nde traten. 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